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Tagesthemen:"Blick auf unser eigenes Land"

Helge Fuhst

Helge Fuhst will die "Tagesthemen ins Dorf" bringen.

(Foto: Nadine Rupp/Ruppografie/Nadine Rupp/Ruppografie)

Die "Tagesthemen" im Ersten dauern von September an länger. Grund: Die Deutschen sollen sich besser kennenlernen. Helge Fuhst, Zweiter Chefredakteur von ARD-aktuell, über den neuen Stellenwert von Regionalnachrichten in der Sendung.

Interview von Claudia Tieschky

Helge Fuhst, 36, ist Zweiter Chefredakteur von ARD-aktuell und redaktionell verantwortlich für die Tagesthemen. Die werden ab 1. September wochentags um fünf Minuten länger, am Freitag gibt es sogar eine Viertelstunde mehr.

SZ: Herr Fuhst, wieso brauchen die "Tagesthemen" plötzlich eine Verlängerung?

Helge Fuhst: Die ARD möchte an diversen Stellen den Kern ihres Auftrags mit einer Nachrichtenoffensive stärken. Die Verlängerung der Tagesthemen gibt Zeit für mehr Tiefe. Diese Zeit wollen wir vor allem für einen intensiveren Blick auf die Regionen nutzen, auf die Heimat unserer Zuschauerinnen und Zuschauer. Wir bringen die Tagesthemen ins Dorf, wir wollen mehr von vor Ort berichten. Dafür wollen wir uns auch im schnellen Tagesgeschäft der Nachrichten künftig mehr Zeit nehmen.

Für Regionalnachrichten hat die ARD eigentlich ihre Landesrundfunkanstalten mit den eigenen TV-Sendern, den Dritten Programmen von NDR bis BR. Leisten die dort nicht genug?

Doch, die leisten genug, aber das ist kein Abwägen, sondern ein Addieren. Wir werden künftig für die Tagesthemen solche Geschichten aufbereiten, die wir alle voneinander wissen sollten, um uns besser kennenzulernen. Sie kommen aus den jeweiligen Rundfunkanstalten und ergeben zusammen ein unverstelltes Bild Deutschlands.

Die Deutschen kennen sich nicht gut genug?

Ich selbst lerne unsere Regionen mit jeder Reportage besser kennen. Wussten Sie, dass 99998 Bollstedt in Thüringen europaweit ein Vorzeigedorf ist? Ich nicht, bis es mir Tagesthemen mittendrin gezeigt hat. Unterschiede sieht man schon, wenn man, wie ich, einmal von einer Stadt wie Hannover in ein ländliches Gebiet umzieht. Da habe ich miterlebt, wie Buslinien eingestellt wurden, plötzlich konnten wir Mitschüler uns nicht mehr gegenseitig besuchen. Es geht um Einblicke, die wir alle in Zeiten von Strukturwandel und großen Veränderungen erhalten sollten, um politische Entscheidungen in Berlin besser beurteilen zu können.

Klingt, wenn man es kritisch sehen möchte, ein bisschen nach Schulunterricht.

Ziel ist, unseren Zuschauerinnen und Zuschauern ein authentisches Bild zu liefern - das hat nichts mit Frontalunterricht zu tun.

War das früher nicht so wichtig oder nicht so dringlich? In den "Tagesthemen" wollte man doch immer etwas aus der großen weiten Welt erfahren.

Das bleibt ja auch so. Das Gute ist: Dank der Verlängerung geht es nicht um eine Entscheidung gegen Auslandsberichterstattung und für Regionales, sondern wir machen beides. Wir schauen bei den Regionalnachrichten auch nicht auf die Stoppuhr. Manchmal werden es mehr, manchmal weniger als fünf Minuten sein, je nach Thema. Wir wollen den intensiveren Blick auf unser eigenes Land. Das kann zum Beispiel ein Beitrag sein wie unser erster, über Bollstedt, weil es bei 1000 Einwohnern etwa 10 Vereine hat und vorbildlich zusammenhält. Was passiert in so einem Dorf in Zeiten von Corona? Da schauen wir hin. Wir reden ja oft davon, ein Thema aus dem politischen Berlin "herunterzubrechen", wenn wir vor Ort Beispiele dafür suchen. Uns ist es jetzt wichtig, die Themen aus den Regionen sozusagen "hochzubrechen", sodass sie für Menschen in ganz Deutschland interessant werden.

Die Neuheit war der ARD so wichtig, dass sie sogar einen Kleinkrieg mit dem ZDF in Kauf nahm. Denn freitags überschneiden sich die "Tagesthemen" künftig teilweise mit dem "Heute-Journal". Laut Gesetz sollen sich die Öffentlich-Rechtlichen aber untereinander um Einvernehmen bemühen, das war der ARD egal. Woher diese Entschlossenheit?

Ich glaube, der Konflikt wird in der öffentlichen Wahrnehmung überbewertet. In anderen Ländern laufen die Abendnachrichten täglich auf allen Kanälen zur selben Zeit als große Konkurrenzveranstaltung. Im deutschen TV gehen wir uns fast immer aus dem Weg, ARD und ZDF sind keine Konkurrenten.

Die ARD-Intendanten wollten die Verlängerung unbedingt ...

Dass die Tagesthemen am Freitag ab 21.45 Uhr länger laufen und sich für 15 Minuten mit dem Heute-Journal überschneiden, dazu gab es nur die Alternative, die Nachrichten in die Nacht abzuschieben. Oder wir hätten am Freitag weiterhin nur eine 15-Minuten-Sendung der Tagesthemen senden können - und das ist nicht mehr zeitgemäß. Auch beim ZDF wird keiner widersprechen, dass am Freitag heutzutage genauso viel passiert wie an jedem anderen Tag. Wir sind jetzt eben die Sendung mit der schrägen Zeit - montags bis donnerstags 35 Minuten und mit einer anderen Anfangszeit am Freitag. Auch wenn das nicht so einfach zu merken ist wie die 20-Uhr-Tagesschau, die zusätzliche Sendezeit stärkt uns.

Steckt dahinter auch eine Reaktion auf die Kritik, der Osten Deutschlands käme im bundesweiten öffentlich-rechtlichen Programm nicht richtig vor?

Ja, bei uns wird die Stimme des Ostens lauter zu hören sein. Wir wollen den Blick auf die ostdeutschen Regionen stärken. Viele Redaktionen, auch wir, mussten in den letzten Jahren lernen, den Osten breiter und angemessener abzudecken. Das funktioniert schon besser als früher, aber mit den neuen Tagesthemen rücken wir noch mal weiter gen Osten.

Werben Sie mit der Erweiterung auch um die wackelige Zustimmung zur Rundfunkabgabe in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen?

Wir müssen jeden Tag, jeden Monat und jedes Jahr für Vertrauen und Zustimmung werben.

Dann ist die Antwort ja?

Es gibt keinen aktuellen Bezug darauf. Die Idee gab es schon länger. Und die Umsetzung war längst überfällig, denn wir brauchen durchgehend das Vertrauen der Menschen, dass wir ihr Leben bereichern und dass sie uns als Rundfunk und als Teil der Gesellschaft haben wollen.

© SZ/tyc
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