ARD-Serie:Pittoreske sozialkritische Tupfer

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Was die Medizin zu dieser Zeit auch ausmachte - nämlich das durch soziale Not und Elend verursachte Leid und die Hilflosigkeit angesichts mancher Qualen - kommt in den Arztfolgen zu sporadisch vor. Zwar kann sich eine Patientin die Kosten für ihre Notfalloperation nicht leisten und muss ihre Schulden als Hilfswärterin abarbeiten. Und eine junge Schwangere stürzt sich aus dem Fenster, weil sie keinen Arzt findet, der sich als "Engelmacher" betätigen würde. Doch diese Episoden wirken wie pittoreske sozialkritische Tupfer in einem Erzählreigen, in dem die amourösen Eskapaden des Bazillenpapstes Robert Koch mit einer Couplet-Sängerin oder der kühle Ehrgeiz Behrings weitaus mehr Raum einnehmen.

Dieses aufwendige Fernsehspektakel ist heillos überfrachtet. Die Konkurrenz zwischen Ehrlich und Behring hätte schon ein hübsches Thema abgegeben, ebenso das gleichermaßen politisch wie pathologisch beeindruckende Schaffen Rudolf Virchows. Und die Achterbahnfahrt in Robert Kochs Karriere vom weltweit bewunderten Bakterienentdecker, der bald darauf liebesblind daran scheitert, eine Behandlung gegen die Tuberkulose zu entwickeln und dies - trotz Todesfällen seiner Patienten - nicht wahrhaben will, ist bester Dramen- und Komödienstoff.

Doch die geballte Medizinkompetenz reicht den Fernsehmachern offenbar nicht mal. Die Phalanx der großen Ärzte trifft ausgerechnet im Drei-Kaiser-Jahr 1888 aufeinander. Neben Tuberkeln, Typhus, Tod und Teufel muss die politische Großwetterlage ebenfalls mitverhandelt werden. Der neue Kaiser Wilhelm Zwo ist im Film jedoch eine ähnlich Karikatur wie der japanische Gastwissenschaftler, der bei Robert Koch mitforschen darf.

Kein Wunder, dass zusätzlich noch alles kurz angestrahlt wird, was eine saftige Arztserie ausmacht: Zweiklassenmedizin, Privataudienzen - aber auch Patienten, die kurz vor dem Exitus erst noch ihre Personalien angeben müssen. Die Krankenschwester, die sich in den schneidigen Assistenzarzt verliebt, ist dabei. Und natürlich der Mediziner wider Willen, der lieber an der Kunstakademie aquarellieren als vom Pathologiepräparat besudelt werden will. Und dann sind da noch jene Krankenschwestern, die sich unter dem Motto: "Ham wa schon immer so jemacht", nichts von den Ärzten sagen lassen wollen.

Burschenherrlichkeit, Frauenstudium, lesbische Liebe und Zilles "Milljöh" werden auch mitverhandelt. Man würde sich nicht wundern, wenn per Zeitreise Mauerfall, Kreuzberger Krawalle zum 1. Mai und die Mütter vom Prenzlauer Berg auch einen Kurzauftritt hätten. Hier wird schlicht zu viel des Guten in sechs Folgen gepackt. Übertherapie heißt das in der Medizin und den meisten Patienten bekommt das gar nicht gut.

Charité, ARD, jeweils dienstags, 20.15 Uhr; Beginn am 21. März mit einer Doppelfolge.

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