ARD-Serie "Mitten in Deutschland - NSU" Verhängnisvolle Stasi-Manie

Zwei maskierte Männer nähern sich dem Lieferwagen des Blumenhändlers Enver Şimşek: Die Szene des ARD-Films "Mitten in Deutschland: NSU - Die Opfer" zeigt den ersten Mord des NSU im Jahr 2000.

(Foto: WDR/Stephan Rabold)

Ein ARD-Dreiteiler fragt, wie der NSU entstehen konnte und legt einen brisanten Schluss nahe: War die Härte im Umgang mit Stasi-Mitarbeitern nach der Wende einer der Gründe?

Von Paul Katzenberger

Kurz vor der Tat wird der Bildschirm schwarz, zuvor hat man gesehen, wie ein Transporter auf einer Ausfallstraße neben einem mobilen Blumenhändler eingeparkt hat. So stellen sich die Macher der dreiteiligen Serie "Mitten in Deutschland: NSU" die letzten Sekunden vor den Schüssen auf Enver Şimşek vor, dem ersten Opfer des NSU im Jahr 2000.

Der schwarze Bildschirm symbolisiert die Fassungslosigkeit, die die schwerwiegendste Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte auch knapp fünf Jahre nach ihrer Aufdeckung auslöst: Wie konnte es geschehen, dass zwei junge Männer, möglicherweise unterstützt von einer jungen Frau, über sieben Jahre hinweg unentdeckt auf einen blutigen Feldzug zogen, den ein griechischer, drei türkische und fünf kurdische Männer sowie eine junge deutsche Polizistin nicht überlebten, und bei dem darüber hinaus 22 Menschen verletzt wurden?.

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Wie der sorgfältig recherchierte Dreiteiler offenbart, der an diesem Mittwoch endete, kam da vieles auf fatale Weise zusammen: Die historisch einmalige Situation der deutschen Wiedervereinigung, in deren Folge so viele Menschen gleichzeitig ihren Arbeitsplatz verloren wie niemals zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg, spielt bei der Ursachenforschung eine große Rolle.

Aber auch die V-Leute des Verfassungsschutzes, die den Ermittlern eigentlich helfen sollen, die rechtsextreme Szene im Auge zu behalten, waren Teil des Problems: Sie halfen mit, Strukturen aufzubauen, die außer Kontrolle gerieten. Und auch die Ermittler selbst tragen Verantwortung: Sie bekamen den Kopf - bewusst oder un bewusst - nicht frei von anfänglichen Verdachtsmomenten, die die Motive der Täter im Drogen- und/oder im sogenannten Migrantenmilieu verorteten.

All das ist nicht neu, doch in der Zusammenschau wirken diese Ursachen noch einleuchtender. Vor allem aber wirft "Mitten in Deutschland: NSU" eine Frage auf, die bislang bei der Betrachtung der NSU-Mordserie kaum eine Rolle gespielt hat: Kann es sein, dass der unnachgiebige Umgang mit der Stasi und ihren mehr als 100 000 informellen Mitarbeitern verhängnisvolle Konsequenzen hatte?

Universeller Autoritätsverlust der Erwachsenen

Die erste Folge der Serie "Die Täter - Heute ist nicht alle Tage" präsentiert Jena-Winzerla, wo Beate Zschäpe (Anna Maria Mühe), Uwe Mundlos (Albrecht Schuch) und Uwe Böhnhardt (Sebastian Urzendowsky) aufwuchsen, als eine Welt, in der sich jede Ordnung aufgelöst hatte. Dieses Chaos zeigt der Film auch als Folge eines universellen Autoritätsverlustes der Erwachsenen: Allein die grassierende Massenarbeitslosigkeit stempelt sie in den Augen der Jugendlichen zu Losern ab, die keinen Respekt verdienen - sogar Uwe Mundlos' Vater, der Informatik-Professor ist, geht das so: Im Film muss er sich seinem Sohn gegenüber dafür rechtfertigen, dass seine berufliche Zukunft offenbar unsicher ist.

Neben diese ökonomische Stigmatisierung tritt in "Die Täter" aber auch eine moralische Ächtung eines jeden, der in irgendeiner Weise aktiv zum DDR-System beigetragen hatte. Beate Zschäpes Mathelehrer verliert im Film zunächst die Deutungshoheit im Klassenzimmer, dann seinen Job und schließlich komplett seine Würde. Er war Stasi-Spitzel, und das reicht aus, um ihn als Lehrer sofort zu diskreditieren.

Mitläufer aber keine Hochverräter

Wie schwer seine Schuld wirklich wiegt, wird im Film nicht weiter thematisiert. Und das war in Jena-Winzerla wohl tatsächlich nicht von Belang. Das Thema Stasi, das die DDR-Bürgerrechtler auf die öffentliche Agenda gesetzt hatten, beherrschte den Blick auf die DDR in nahezu absoluter Weise - als sei das Land 40 Jahre lang bewohnt gewesen von lauter kleinen Honeckers, Mielkes, Ulbrichts oder Krenzens.

Aus westlicher Perspektive wurde dieser Blick auf das untergegangene Land gerne bestätigt, nicht zuletzt weil es den eigenen Einfluss in den neuen Ländern erhöhte. Mit der Realität hatte das gleichwohl nichts zu tun: Viele der kleinen Spitzel waren Mitläufer, die sich im System eingerichtet hatten, aber keine Hochverräter, so schlimm die Stasi war.