ARD-Serie mit Harald Krassnitzer Hier schläft der Narkosearzt

In der ersten Folge der Serie will Paul Krassnitzer (links) als Mediator Paul Kemp die Probleme des Narkosearztes Dr. Erich Seifert (Gerhard Greiner) lösen.

(Foto: ARD/ORF/Petro Domenigg)

Berufliche Souveränität trifft auf private Inkompetenz - unter diesem Motto spielt Harald Krassnitzer in der neuen ARD-Serie "Paul Kemp - Alles kein Problem" einen Mediator. Fernsehen von der ganz harmlosen Sorte.

Von David Denk

Harald Krassnitzer ist ein Typ, dem der Zuschauer alles abnimmt: Der Österreicher gehört sicher nicht zu den wandlungsfähigsten Darstellern im deutschsprachigen Raum, aber zu den nahbarsten. Ob Wiener Tatort-Kommissar, Winzerkönig oder jetzt eben Mediator Paul Kemp - Krassnitzer gibt dem Publikum das gute Gefühl, ein alter Bekannter zu sein, jemand, den man gern um sich hat, auch weil er einem nicht so viel abverlangt.

Krassnitzer verkörpert keine Figuren, sondern Variationen einer Figur. Das muss man auch können, und Krassnitzer ist ein Meister darin. Ein Volksschauspieler im besten Sinne, er füllt die Berufsbezeichnung mit österreichisch-abgründigem Charme. In Paul Kemp - Alles kein Problem erinnert Krassnitzer an einen anderen ewigen Sympathieträger der deutschen TV-Geschichte, Manfred Krug in seiner Rolle als Liebling Kreuzberg. Der Kiezanwalt mit einer Schwäche für Götterspeise war ja auch mehr als Sozialarbeiter denn als Jurist gefordert. Mandanten bot er bei Bedarf Schnaps an. Und trank, wenn es denn unbedingt sein musste, einen kleinen mit.

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Wenn Paul Kemp sich mal einen einschenkt, heißt das nichts Gutes. "Du trinkst?", fragt ihn seine untreu gewordene Frau Ella (Katja Weitzenböck). "Du gehst fremd", blafft er zurück. Und Ella, verliebt in den Nachbarn, entgegnet: "Nein, im Gegenteil. Fremd ist hier, da drüben ist jemand zu Hause."

Man merkt schon, das mit dem "kein Problem" im Titel ist ironisch gemeint. Der Mann, der im Job mit traumwandlerischer, beinahe beängstigender Sicherheit die Konflikte anderer löst, als wären sie nicht mehr als ein Knoten in den Schnürsenkeln der Beteiligten, steht den eigenen Sorgen und Nöten ohnmächtig gegenüber. Das ist das Strickmuster von Paul Kemp: Berufliche Souveränität trifft auf private Inkompetenz.

Probleme von der ersten Folge an

Krassnitzer spricht von einem "wunderbaren Spannungsfeld, das die Möglichkeit für eine große Fallhöhe der Figuren bietet". Da möchte man ihm nicht widersprechen, aber schon gern hinzufügen, dass das allein ein bisschen wenig ist. Und genau darin liegt das - jawoll - Problem von Paul Kemp: Die im ORF schon ausgestrahlte Serie zehrt, soweit in der vom Ersten zur Verfügung gestellten ersten Folge ersichtlich, von dieser einen Idee. Im Vorspann plumpst das K aus Kemp in den Schriftzug "Alles ein Problem" - damit ist alles gesagt.

Weil man dem Intellekt des Zuschauers nicht so recht traut, kommt es zu Dialogen wie diesem hier zwischen Kemp und einer jungen Frau, deren Mann, Anästhesist von Beruf, ein Doppelleben führt und daher immer schrecklich müde ist (hihi, ein Narkosearzt, der immerzu einnickt - auf diesem Humorniveau bewegt sich das Buch von Uli Bree und Klaus Pieber). Also, fragt sie ihn: "Was kann ich für Sie tun?" Antwortet er: "Ich bin Mediator." Sie: "So mit Kerzen und ruhiger Musik?" Er: "Nein, Sie meinen Meditation. Sollte ich vielleicht öfter machen, hat aber nichts mit meinem Beruf zu tun. Leute wie ich werden bei Streitfällen gerufen, um gröbere Konflikte oder sogar Gerichtsprozesse zu vermeiden." Womit der Beweis erbracht wäre, dass keinen Narkosearzt braucht, wer einen Fernseher hat.

Öffentlich-rechtliche Serien-Schonkost

Fernsehen von der ganz harmlosen Sorte. Das hat am Dienstagabend auf dem Sendeplatz von Um Himmels Willen im Ersten auch Tradition. Nach der ersten Folge fragt man sich unweigerlich, was da erzählt wurde. Dass verheirate Menschen fremd gehen? Dass Chirurgen selbstverliebte Ekel sind? Dass Mediatoren Cordanzug tragen und Oldtimer-Cabrio fahren?

Auf jeden Fall muss Paul Kemp überall "den Scheiß von anderen Leuten" wieder in Ordnung bringen, wie sein Kompagnon Mark Braun (Alexander Lutz) desillusioniert und stockbesoffen lallt. "Morgen schaut die Welt schon wieder ganz anders aus", versucht Kemp ihn zu beruhigen. Darauf Braun: "Morgen schaut die Welt genauso beschissen aus wie heute - und übermorgen auch!" Zumindest, was öffentlich-rechtliche Serien-Schonkost angeht, scheint Brauns Sichtweise nicht komplett abwegig.

Paul Kemp - Alles kein Problem, ARD, dienstags, 20.15 Uhr.