ARD baut ihr Programm um:Die schnellste Reform

Christine Strobl

"Kurzer, intensiver Prozess": ARD-Programmdirektorin Christine Strobl.

(Foto: Laurence Chaperon/ARD)

ARD-Programmchefin Strobl hat ihre Programmvorstellungen durchgesetzt. Aber der "Weltspiegel" kommt trotzdem weiter sonntags.

Von Claudia Tieschky

Die Begriffe "kurzer Prozess" und "ARD" passen wirklich nicht zusammen. An diesem Freitag hat die Programmdirektorin Christine Strobl trotzdem die große Programmreform für 2022 vorgestellt, die ein jüngeres Publikum gewinnen soll und der die Direktoren und Intendanten jetzt zugestimmt haben, in ziemlich kurzer Zeit. Oder, wie Strobl sagte, nach einem "kurzen, intensiven Prozess". Sicher scheint, dass die Vorschläge, die Strobl, ihr Stellvertreter Florian Hager und Chefredakteur Oliver Köhr seit dem Frühjahr zunächst intern vorgestellt hatten, die Streitkultur in der ARD befördert haben, was Strobl gar nicht stört: "Wenn man am Anfang keinen Protest hervorruft, hat man auch nichts verändert."

Gelohnt hat sich der Protest ganz sicher auch aus Sicht der Auslandskorrespondenten, die - wie viele Zuschauer - gegen eine Verlegung des Weltspiegels vom Sonntag vor den Tagesthemen auf den späten Montagabend Sturm liefen, weil sie um den Stellenwert der Auslandsthemen fürchteten. Das Ergebnis muss für sie eigentlich ein Träumchen sein: Der Weltspiegel bleibt am Sonntag, wird auf 45 Minuten verlängert und kommt künftig um 18.30 Uhr, direkt nach einem ebenfalls verlängerten Bericht aus Berlin. Den Sendeplatz am späten Montagabend dürfen die Korrespondenten zusätzlich bespielen, mit Reportagen und Dokus, zwei Genres, die angeblich besser mediathekentauglich sind als Magazinbeiträge. Der Montag werde ein "Informationstag", beginnend mit Dokus und Reportagen um 20.15 Uhr bis hin zu einem noch unbekannten, neuen Wissensformat am späteren Abend, Geschichtsdoku-Reihen und der ARD Story. Damit dürfte man auch Befürchtungen entgegentreten, die ARD werde ihren Kernauftrag künftig auf Social-Media-gängige Mediathekeninhalte verlegen.

Woher das Geld für die Reform kommt, ist offenbar noch gar nicht richtig geklärt

Dennoch ist die Mediathek der Kern, auf den alles zuläuft in dieser Reform, das hatten Strobl, Hager und Köhr schon im Frühjahr deutlich gemacht. Dort sollen Videos ihr Publikum völlig unabhängig vom linearen ARD-Programm finden - junge Menschen, die den Fernseher nicht einschalten, die aber natürlich trotzdem Rundfunkabgabe zahlen müssen. Hager benannte am Freitag sehr offen den Unterschied zwischen Fernsehware und Formaten für die Mediathek: Dort sollten die Angebote "jünger, zielgruppenspezifischer und diverser als im Ersten Programm" sein. Von kommendem Jahr an wollen die Programm-Macher in der Mediathek daher, wie Hager aufzählte, monatlich zwei neue hochwertige fiktionale Serien ausspielen, zwei dokumentarische Formate oder Serien sowie einen langen Dokumentarfilm. Dazu Comedy - Carolin Kebekus dürfte eines der wichtigsten Gesichter dabei sein - sowie ein investigatives Stück, das über Social Media "Gesprächsstoff" werden und "Aufmerksamkeit" erreichen soll. Die Filmtochter Degeto sei dabei, Mediatheken-Projekte, insbesondere Serien, im Umfang von 20 Millionen Euro herzustellen, sagte Strobl.

Die Geldfrage bei dieser Reform dürfte die Streitkultur der ARD vielleicht auch noch befeuern. Offenbar ist noch nicht so richtig klar, durch welche Umschichtungen genau das nötige finanzielle Plus für die Programmdirektion kommen soll, das für die Reform nötig sei. Es handelt sich, wie der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow sagte, um einen "substanziell einstelligen" Millionenbetrag pro Jahr, der aus den bestehenden Etats der Sender kommen muss. Mehr Personal für die neuen Formate, so Buhrow, gebe es auch nicht. Dennoch beteuerte er: "Das lineare Fernsehen wird nie von uns vernachlässigt werden." Strobl nickte. Sie will den Fußball im linearen Programm künftig direkt sonntags vor der Tagesschau bringen, erworben wurden dafür auch Übertragungsrechte aus der zweiten Bundesliga. Sandra Maischberger wird von 2022 an dienstags und mittwochs Gäste zu "einem neuen, vertiefenden Gesprächsformat" empfangen. Am Freitag um 21.45 Uhr platziert das Erste künftig eine neue Comedy-Sendung. Eine Konkurrenz zu Lanz im ZDF und dem dortigen Comedy-Freitag kann Strobl darin aber absolut nicht erkennen. Eine Kampfprogrammierung - früher war das eine olympische Sportart zwischen ARD und ZDF - würde schließlich ja auch der Grundannahme widersprechen, dass es auf die Platzierung im klassischen Fernsehen gar nicht mehr so richtig ankommt.

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