ARD-Mittwochsfilm Schaffen wir das?

Wohin mit Pia? Zu Oma und Opa – oder zu den türkischen Nachbarn?

(Foto: NDR/Banana Tree Film/Daniela Inc)

Einmal mit alles, bitte: Ein Familiendrama über die Schwierigkeiten interkultureller Verständigung - das unnötigerweise ganz schön dick aufträgt.

Von Hans Hoff

Viel zu oft sind in deutschen Fernsehfilmen die Muslime die Bösen. Immer machen sie Probleme, predigen Hass oder wollen Andersgläubige gar umbringen. Da ist es allerhöchste Zeit, auch mal ein anderes Bild zu zeichnen, eines, das einfach mal die netten Muslime von nebenan zeigt. Solche wie die türkischstämmigen Baltas. Die sind eine weltoffene Kleinfamilie in Hannover, auch wenn die Mutter Sehra (Neshe Demir) Kopftuch trägt und Cem (Murathan Muslu), der Vater, gern Iman in der Moschee werden möchte. Sie mögen Natalie (Petra Schmidt-Schaller), die alleinerziehende Mutter aus der Wohnung gegenüber, die ihnen ab und an Töchterchen Pia (Malina Harbort) vorbeibringt, wenn mal wieder die Hoffnung auf einen neuen Partner ein Lächeln in ihr Gesicht zaubert.

Aber dann kommt Natalie eines Abends nicht zurück. Ein Unfall hat sie aus dem Leben gerissen. In ihrem Testament steht, dass die Baltas für Pia sorgen sollen und nicht Pias Großeltern (Katrin Sass, Lutz Blochberger), mit denen Natalie schon vor Jahren gebrochen hat. Von da an wird es kompliziert.

Erzählt wird die Geschichte (Buch: Paul Salisbury; Regie: Umut Dag) aus Sicht von Familienvater Cem. Er, der so gern ein progressiver Iman wäre und für Verständigung wirbt, nimmt Pia nur zögerlich auf, geht mit ihr dann aber liebevoll um wie mit seiner eigenen Tochter (Sue Moosbauer).

Da ahnt er noch nicht, welche Gräben sich auftun werden. Einer verläuft zwischen den Baltas und Pias Großeltern, die das Kind in ihre christlich geprägte Welt holen wollen. Und dann ist Cems Schwiegervater (Vedat Erincin) noch der Meinung, dass Pia in ihre leibliche Familie gehört. Hinzu kommt die Sache mit dem umstrittenen Moscheebau und der unheilvollen Vergangenheit des Cem Balta.

Das hätte ein feiner Film werden können, der zeigt, wie schwer es sein kann, wenn Kulturen einander so fremd erscheinen, wenn man zu wenig vom anderen weiß, wenn Angst ein besserer Ratgeber zu sein scheint als Verständnis. Er hätte Antworten geben können auf Fragen: Wie fühlt sich das an, wenn ein deutsches Mädchen in einem muslimischen Umfeld aufwachsen soll? Wo kollidieren die Welten?

Einfühlsam öffnen die Macher hier einen Mikrokosmos. Aber dann hat sie offenbar der Mut verlassen. Sie vertrauen nicht darauf, dass kleine Probleme eine große Welt spiegeln können. Stattdessen haben sie alle denkbaren Probleme mit Muslimen und Wutbürgern aufeinandergetürmt. Das kleine Drama hat ihnen nicht gereicht, es sollte, wenn schon, das ganz große sein. Einmal mit alles, bitte.

Das nimmt diesem ansonsten sehr einfühlsam geratenen Film viel von der Wirkung, die er hätte haben können, wenn er sich auf seine Grundtugend besonnen hätte, Menschen zu zeigen, die ihre Schwierigkeiten haben, einander zu verstehen, die es aber schaffen wollen. Da kann auch ein herausragend spielender Murathan Muslu in seiner Rolle als Vater Cem Balta nichts bewirken, obwohl er doch die Zerrissenheit seiner Figur immer wieder fühlbar, tastbar, begreifbar macht. Das macht es doppelt schade, diesen Film an mangelndem Zutrauen in die eigene Grundidee scheitern zu sehen.

Das deutsche Kind, Das Erste, Mittwoch, 20.15 Uhr.