ARD MiMa zieht nach Berlin

„Wir hätten uns doch gewünscht, dass man sagt: Wir schaffen das“, sagt Moderatorin Hansi Fischer, hier mit ihren Kollegen Markus Othmer (li.) und Stefan Scheider.

(Foto: Sven Simon/imago)

Weil der BR sparen will, verabschiedet sich das "Mittagsmagazin" nach 28 Jahren aus München. Über einen Tag, an dem die alte Redaktion leise Servus sagte - mit sehr gemischten Gefühlen.

Von David Denk

Die Regale im Büro von Klemens Hübner leuchten sehr weiß, weil sie fast leer sind, kahl wie die Bäume vor den Fenstern des BR-Studios in München-Freimann. Abbruchstimmung. "Ich habe hier schon mal ein bisschen Tabula Rasa gemacht", sagt der scheidende Redaktionsleiter des ARD-Mittagsmagazins trocken. Noch ein, zwei Monate, dann wird er dieses Büro räumen. Das ARD-Mittagsmagazin, liebevoll "MiMa" abgekürzt, ist dann schon Geschichte. Die letzten Wochen wird Hübner hier als König ohne Land residieren und die Sendung abwickeln, die er schon mitaufgebaut hat. Der Letzte macht das Licht aus.

Denn nach 28 Jahren kommt das ARD-Mittagsmagazin von diesem Dienstag an nicht mehr vom Bayerischen Rundfunk, sondern vom Rundfunk Berlin-Brandenburg. Der BR muss sparen - und hat das Nachrichtenformat diesem Ziel geopfert. Oder wie es Intendant Ulrich Wilhelm formuliert: "Mit Blick auf unsere immer geringeren finanziellen Spielräume haben wir leider keine andere Wahl, als die Federführung abzugeben." Für den kleinen RBB mit seiner ehrgeizigen Intendantin Patricia Schlesinger birgt der Umzug in die Hauptstadt die Chance, sich auch überregional zu profilieren. Kein schlechter Deal, könnte man meinen. In der Redaktion in Freimann sehen sie das naturgemäß anders.

"Live und nah am Geschehen" möchte man nun in Berlin laut Pressemitteilung sein. Live sendete man freilich auch aus München schon, aber nah am Geschehen war man dort nicht unbedingt immer. Das neue Studio in Berlin-Mitte, das man sich als Untermieter mit den Kollegen vom ZDF teilt, mit denen man sich im wöchentlichen Rhythmus abwechselt, liegt nur wenige Gehminuten vom Bundestag entfernt, wovon man sich mehr Liveinterviews statt Schaltgespräche für die Sendung verspricht. Seit Sommer baut Hübners frühere Stellvertreterin Bettina Schön in Berlin die neue Redaktion auf, was in letzter Zeit zu der kuriosen, aber notwendigen Situation führte, dass es übergangsweise zwei ARD-Mittagsmagazine gab: eines, das ausgestrahlt wird, und eines im Probebetrieb.

Plötzlich gibt es eine erfundene "Eilmeldung": Das MiMa bleibt beim BR. Stille. Dann Gelächter

Am Türschild in der Redaktion beim BR steht auch am letzten Sendetag, dem vergangenen Freitag, noch Schöns Name. Einen neuen Job wie sie haben viele, aber nicht alle ihrer früheren Kollegen. Sein Büro hat Redaktionsleiter Hübner in den letzten Wochen vor allem für Personalgespräche genutzt. Er ist froh darüber, dass seine größtenteils als feste Freie beschäftigten Mitarbeiter "gut im Haus vernetzt" seien, trotzdem sei es "schwierig, für alle etwas Adäquates zu finden". Die Magnete auf Hübners leerer Magnetwand formen ein lachendes Gesicht - vielen, die hier saßen, dürfte danach nicht zumute gewesen sein, inklusive Hübner selbst.

Der 63-Jährige hat sich entschlossen, in den Ruhestand zu gehen, räumt aber ein, dass er sich das Ende seines Berufslebens anders vorgestellt hatte. Es falle auch ihm schwer, die Entscheidung des BR "gelassen oder gar freudig hinzunehmen", sagt er. Der Zusammenhalt in seiner Redaktion sei immer eng gewesen - sogar zusammen gekocht habe man nach den Sendungen. Deshalb seien die Gefühle in der letzten Zeit gemeinsam vielleicht etwas besser zu meistern gewesen. Hübner spricht von einer "großen Familie", etwa 40 Leute an der Zahl, davon lediglich vier Festangestellte, die nun "auseinandergerissen" werde.

Journalismus Warum BR Klassik seine Frequenz behalten darf
Bayerischer Rundfunk

Warum BR Klassik seine Frequenz behalten darf

BR-Intendant Ulrich Wilhelm gibt den UKW-Platz doch nicht dem Jugendsender Puls. Er hat dafür eine recht technische Begründung - und eine sehr politische.   Von Claudia Tieschky

Freitagmittag, kurz vor 13 Uhr: Der Regieraum im BR-Studio ist voll wie nie. Zur sechsköpfigen Besatzung um Regisseurin Carmen Zielinski, die vor einer Wand aus Monitoren die Sendung steuert, haben sich allerlei Trauergäste gesellt, aktuelle wie ehemalige Mitarbeiter und anfangs auch BR-Chefredakteur Christian Nitsche. Redaktionsleiter Hübner hat sich zurückgezogen, um "Dankes-Faxe" zu verschicken, so heißen die Mails, mit denen das "MiMa" seinen Zulieferern aus dem weiten Reich des Senderverbunds direktes Feedback zu ihren Beiträgen gibt. Gab. Aber Routine verspricht Halt.

Präsentiert wird das letzte ARD-Mittagsmagazin von Stefan Scheider, den Regisseurin Zielinski genau wie die zugeschalteten Korrespondenten knapp, aber verbindlich im Ton durch die Sendung dirigiert. "Lieber Stefan Wolff", spricht sie den Mann an der Frankfurter Börse an, "kriegen wir deine rechte Schulter vor bitte." Oder sie sagt: "Die letzte lassen wir weg, ja?" - und Moderator Scheider stellt eine Frage weniger. Hier sind Profis am Werk - aber auch Profis haben Gefühle, denen sie an diesem besonderen Tag mehr Raum gewähren als üblich. Wenn etwa EU-Korrespondentin Bettina Scharkus am Ende der Schalte aus Brüssel "alles Gute nach München" wünscht, ist die Freude hinter den Kulissen groß. Gefühle von Trauer und Wut werden von solchen kleinen Gesten zumindest ein Stück weit abgepuffert.

"Tief getroffen, sehr enttäuscht" sei sie, sagte Stammmoderatorin Hannelore "Hansi" Fischer vor wenigen Tagen dem Online-Medienmagazin Dwdl.de. Sie war von Anfang an dabei, jetzt ist sie krankgeschrieben, der Rücken. Aber sie hat es sich nicht nehmen lassen, aus dem Off eine Kritik zu formulieren, die viele im Sender teilen: "Auch wenn der BR extrem sparen muss, hätten wir uns doch gewünscht, dass man sagt 'Wir schaffen das'. Das hat man offensichtlich am Ende nicht gewollt." Als schwacher Trost bleibt der Redaktion der Stolz auf ein bei Kollegen wie Zuschauern beliebtes Format mit täglich um die zwei Millionen Zuschauern und Marktanteilen von mehr als 20 Prozent. Das müssen die beim RBB erst mal hinkriegen. Wobei eine kleine Abordnung um Regisseurin Zielinski in der Startphase behilflich sein soll.

Die Aufnahmeleiterin platzt in den Regieraum und wedelt mit einem Blatt Papier: "Die Eilmeldung 'RBB nicht vorbereitet: 'MiMa' bleibt beim BR' - geb' ich die gleich rein", fragt sie in die Runde. Stille. Gelächter. Dann ist sie auch schon wieder zur Tür raus und mit ihr dieser kurze Moment des Druckabfalls.

Und dann, kurz vor 14 Uhr, ist plötzlich Schluss. Moderator Scheider sagt "zum Abschied leise Servus aus München". In der Regie wird applaudiert. "So, das MiMa ist fertig", sagt Zielinski, "danke an alle."

Nach dem Abspann kämpft dann auch sie mit den Tränen, die sie sich doch verkneifen wollte, "aber es ist schon schwer". In dieser emotional aufgeladenen Zeit sei es "eine besonders große Erleichterung, dass man sich hier auf Routinen, aber vor allem auf die Kollegen blind verlassen kann." Wie zum Beweis nimmt eine Kollegin sie in den Arm: "Jetzt hilft nur noch Alkohol, Carmen." Und dann wird gefeiert. Eine Party, auf deren Anlass die Gäste gern hätten verzichten können. Als Zielinski auf dem Weg zum Umtrunk noch kurz im Studio vorbeischaut, ist die Kulisse des Mittagsmagazins schon abgebaut und weggeräumt. Die nächste Sendung hier beginnt um 15 Uhr.

Fernsehen Beatrice heuert ab

Traumschiff

Beatrice heuert ab

Die Seele des "Traumschiffs" - das war doch immer sie: 36 Jahre lang schipperte Heide Keller als Chefhostess im ZDF durch seichte Fernseh-Gewässer. An Neujahr ist sie zum letzten Mal an Bord.   Von Hans Hoff