ARD-Film "Pure Menschlichkeit"

Die TV-Dokumentation "Todeszug in die Freiheit" rückt die Opfer in den Mittelpunkt und vor allem ihre mutigen Helfer: Der Film erzählt, wie die tschechische Bevölkerung wenige Stunden vor Kriegsende KZ-Häftlinge aus einem Güterzug rettete.

Von Rudolf Neumaier

Der Hauptsturmführer Friedrich Graun kommt in der Nacht zum 7. Mai 1945 mit einigen Kameraden von der SS und mit seiner Frau zum Bahnhof von Olbramovice. Dort steht ein Güterzug auf dem Abstellgleis. Graun erklärt ihn zur Schießbude. Minutenlang lässt er diesen Zug von seinen Begleitern mit Maschinengewehren beschießen, auch er ballert. Seine Frau ebenfalls. In den Waggons stecken KZ-Häftlinge aus dem Konzentrationslager Leitmeritz. Wie viele von ihnen bei diesem Massaker gestorben sind, lässt sich nicht sagen. Grauns Frau jedenfalls nimmt von den anderen Schützen Gratulationen für das Töten von vier Menschen entgegen. Keine 48 Stunden später kapituliert der Nationalsozialismus vor der Welt.

Mit den nationalsozialistischen Tätern haben sich die Journalisten Andrea Mocellin und Thomas Muggenthaler nur am Rande beschäftigt. Ihre Doku Todeszug in die Freiheit in der Reihe "Geschichte im Ersten" rückt die Opfer in den Mittelpunkt und vor allem ihre mutigen Helfer. Es ist ein Film des Gedenkens - und des Mahnens. Der Mut, mit dem sich die tschechische Bevölkerung an mehreren Orten entlang der Bahnstrecke scharenweise für die ausgehungerten Häftlinge organisierte, war beispiellos. In Deutschland, wo SS-Schergen KZ-Insassen auf Todesmärschen durch die Gegend trieben, fand sich kein ähnliches Beispiel kollektiven Engagements. "Es war eine Aktion der puren Menschlichkeit, die es im Deutschen Reich in dieser Form nicht gegeben hat - auch nicht kurz vor Kriegsende", sagt am Ende des Films Jörg Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Zum Konzentrationslager Flossenbürg gehörte das Lager Leitmeritz.

Etwa 3000 Häftlinge wurden am Ende aus dem Todeszug befreit

Beinahe wäre der Todeszug von Leitmeritz in Vergessenheit geraten. Skriebeleit fielen Fotos und ein Film in die Hände, die den Transport zeigen. Ein Kolonialwarenhändler von Roztoky hatte heimlich am Bahngleis gefilmt, ein Fotograf nahm die Szenen auf. In 77 Güterwaggons waren circa 4000 Menschen gepfercht. Ziel des Zuges: das KZ Mauthausen. Zu sehen sind abgemagerte Häftlinge und Menschen, die ihnen Brot und Kartoffeln zustecken. Muggenthaler und Mocellin trafen an den Schauplätzen mehrere Augenzeugen, die als Kinder das Eintreffen des Zuges erlebt hatten. Auch zwei Frauen, die im Todeszug transportiert wurden, haben sie noch ausfindig gemacht und interviewt. Diese Opfer überlebten, weil die tschechische Bevölkerung die NS-Wachen übertölpelte, ihren Zug sabotierte und überwältigte. Eine der beiden schmuggelten die Tschechen unter einem Leichentuch aus einem Waggon. Etwa 3000 Häftlinge wurden am Ende aus diesem Zug befreit. Gegen den SS-Offizier Friedrich Graun wurde später ermittelt. Ohne Folgen.

Todeszug in die Freiheit, Das Erste, 23.55 Uhr.