ARD-Film "Nils Holgersson" Gänseparade über Südschweden

50 Jahre lang hat die ARD die Finger vom Selma-Lagerlöf-Klassiker "Nils Holgersson" gelassen, nun hat sie ihn verfilmt. Glücklicherweise wurde darauf verzichtet, ein animiertes Spektakel daraus zu machen. Bei dem Zweiteiler stellt sich sogar das bekannte Weihnachts-Mehrteiler-Gefühl ein: alle Mann aufs Sofa und gut zugehört!

Von Harald Hordych

Der als sogenannter Event-Zweiteiler beworbene Film Nils Holgerssons wunderbare Reise liegt manchmal etwas bleiern in der Luft - aber nur, wenn die Wildgänse in allzu vorbildlich keilförmiger Jagdgeschwader-Formation von hinten beim Flug über Südschweden gezeigt werden, mit dickem Po und wackelnden Flügeln. Stets dabei und noch zappeliger den massigen Körper durch die Lüfte schiebend: Hausgans Martin als Schwarm-Außenseiter. Auf Martins Rücken thront niemand anders als Nils Holgersson.

Lagerlöfs Typen-Kaleidoskop ist so drollig wie hintersinnig, ob man es mit schwadronierenden Landstreichern oder gewitzten Marktweibern zu tun bekommt.

(Foto: NDR/Bremedia Produktion GmbH)

Diese - animationstechnisch gesehen - etwas unbeholfen durch die Lüfte schaukelnde Gänseparade erinnert kurz daran, dass die Abbildung von echten sprechenden Tieren mit Handicaps verbunden ist. Aber kleine technische Einschränkungen ändern nichts an dem Vergnügen, den die seit 50 Jahren erste Real-Verfilmung des Buches der Schwedin Selma Lagerlöf bereitet. Das Team um Regisseur Dirk Regel hat der Stärke der Vorlage vertraut und den Stoff eben nicht, wie angesichts dieser vorlauten Ankündigung zu befürchten stand, zum Event-Spektakel gemacht.

Was man sich unter so einem Hokuspokus vorstellen kann, hat unlängst die Neu-Verfilmung von Die drei Musketiere fürs 3D-Kino gezeigt. Darf's tricktechnisch noch ein paar Tonnen mehr Event sein? Nein danke, lieber gute Dialoge und liebevoll dargestellte Typen aus den Tiefen der Provinz. Dazu die Zeit, die es braucht, um Nils Wandlung vom Nichtsnutz zum wertvollen Menschen mit Humor und auch mal rührenden Momenten zu erzählen.

1909 war Selma Lagerlöf die erste Frau, die mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen war ein für die Schule geschriebenes Märchen. Die Reise des kleinen Nils ist eine Reise zu einem am Ende besseren, klügeren Nils, zu einem guten Kind.

Das traut ihm keiner mehr zu, zumindest in der Menschenwelt. Der Bauernjunge hat ja auch nichts Anderes zu tun, als die Tiere auf dem Hof der hart arbeitenden Eltern mit Steinen zu beschießen oder auf jede erdenkliche Weise zu ärgern beziehungsweise die ihm zugewiesenen Aufgaben schlampig zu erledigen.

Im 13-jährigen Nils steckt viel Übermut und Langeweile, das kann nicht gutgehen. Tut's auch nicht, bis er den Hauskobold (sehr ernsthaft und komisch gespielt von Hanns Zischler) so nervt, dass der ihn in einen handlichen Zwerg verwandelt.