ARD-Film mit Götz George Höre denen zu, die schweigen

"Gekommen, um auszubuddeln, was er vergraben hat": Das sagen sie über Joseph Komalschek (Götz George), als er nach 30 Jahren im Knast wieder da ist.

(Foto: ARD Degeto/Thomas Kost)

In "Besondere Schwere der Schuld" wird ein entlassener Häftling allein gelassen. Es ist ein Solo Götz Georges, der inzwischen kaum mehr Worte braucht um etwas zu sagen.

Von Holger Gertz

Götz George braucht inzwischen fast überhaupt keine Worte mehr, um etwas zu sagen. Was zu sagen ist, sagt er schweigend, raunend, keckernd lachend, leise keuchend, laut atmend. Schon das unvergessliche Kammerspiel Der Totmacher von Romuald Karmakar über den Kindermörder Fritz Haarmann strandete in Georges Schnaufen, man sah ihn nicht mehr, man hörte nur noch seinen Klang, verzweifelt, einsam. Dann: Abspann.

George, der laut fluchte, als er noch Kommissar Schimanski war, ist sehr leise geworden. Schon sein Ächzen ist ein Statement. Vieles im Leben spielt sich im Stillen ab, im Vagen. Und Götz George ist der Großmeister der Stille.

"Die Frauen lieben nicht mich, sondern Schimanski"

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Der Film Besondere Schwere der Schuld bringt ihn in Berührung mit einem anderen Großmeister der Stille. Sascha Arango hat das Drehbuch geschrieben, einer der herausragenden Erzähler im deutschen Fernsehen, und natürlich gilt der Satz gerade für ihn: dass ein guter Erzähler immer ein noch besserer Schweiger ist. "Ich habe noch nie ein Problem damit gehabt, dass lange nichts gesagt wird. Wenn die Situation einleuchtend genug ist, muss nichts gesagt werden." So fasst Arango seine Haltung und Weisheit zusammen, die seine Kieler Tatorte mit Axel Milberg als Kommissar Borowski verlässlich zu Ereignissen macht, die sich einprägen, weil nichts zugequatscht wird. "Die Frau am Fenster" damals, mit Sibylle Canonica als vor Liebe irre gewordene Tierärztin: wie sie ihrer jungen Rivalin hinterherschaute in einem Laden, die Rivalin spielte mit Babyrasseln herum und überlegte, welche sie sich aussuchen soll. Wie also die Tierärztin nur schaute und beobachtete und nichts sagte, aber doch alles. Die Rivalin würde sterben müssen.

In Besondere Schwere der Schuld sagt Götz George nichts, nur Johnny Cash singt, Hurt. George schraubt an einem Apparat herum, der eine Bombe sein könnte oder ein Gewehr. Er schraubt, er justiert, leises Schnaufen vor Anstrengung, manchmal der Anflug eines Selbstgesprächs. Er richtet etwas her, das sich schließlich als Beinprothese entpuppt, wienert das Leder des Schuhs, drückt den Stumpf in die Halterung, richtet sich stöhnend auf. Ein ganzer Film - oder die Idee einer Geschichte - in wenigen Minuten: Der scheinbare Bombenbastler ist ein Versehrter, der Täter könnte Opfer sein.

Komalschek ist ein wenig auch Schimanski

Es gibt ein wunderbares Zitat von Wolf Wondratschek, das zu Georges Spiel genauso passt wie zu Arangos Stil: Höre denen zu, die schweigen.

George verbringt die ersten zwanzig Minuten schweigend, obwohl oder gerade weil er der Mann ist, um den es geht: Joseph Komalschek war 30 Jahre lang im Gefängnis, wegen besonderer Schwere der Schuld. Er soll eine Nachbarin ermordet haben, Anita, und deren Baby, die Leichen wurde nie gefunden, aber eine Nabelschnur, in seinem Hausmüll. Komalschek hat die Taten nie gestanden, jetzt kommt er zurück in seine Heimatstadt, in der alles passiert ist, tiefes Ruhrgebiet natürlich, Komalschek ist ein wenig auch Schimanski.

Er will herausfinden, was damals passiert ist. Er hat zwar nicht mehr genug Wut und Mut in sich, um sich zu rächen. Aber seine Kraft reicht noch aus, Gerechtigkeit zu fordern.