ARD-Film "Mein Sohn Helen" Letztlich bleibt Helen einem fremd

Nicht umsonst heißt der Film Mein Sohn Helen, dominiert darin doch die Perspektive des Vaters, dessen Weg zur Akzeptanz ungleich heller ausgeleuchtet wird als der Weg von Finn zu Helen. Der Zuschauer muss vieles einfach glauben: dass Finn schon immer unglücklich war mit seinem Geschlecht, dass seine verstorbene Mutter davon wusste und ihn unterstützt hat und dass sein Vater in all den Jahren wirklich nichts davon mitbekam.

Zwischenzeitlich sieht es dann - so viel dramatischer Konflikt muss sein - so aus, als ginge Helen doch die Kraft aus. Als zusätzlich zu den Hänseleien in der Schule auch noch das Jugendamt aufmuckt, beschließt sie, wieder ein Junge zu sein - und kann letztlich natürlich doch auf ihren Vater zählen, der seine Geliebte unter Löwengebrüll aus dem Haus wirft, als sie Helens Transsexualität "abartig" nennt. Es ist eine Paraderolle für Heino Ferch als netten Heino von nebenan. Mit der minutiös austarierten Melange aus Ablehnung, Verbohrtheit und Einsicht, Egoismus und Selbstlosigkeit können sich wohl viele Zuschauer identifizieren. Dieser Mann reagiert nach Anlaufschwierigkeiten genau so, wie wir uns das in einer vergleichbaren Situation von uns auch wünschen würden.

Jannik Schümann als Helen profitiert vor allem von der Regie Schnitzlers, der ihren Kampf um Anerkennung, ihre innere Stärke, aber auch Verlorenheit einfühlsam in Szene setzt. Auch die Travestiefalle umgeht er souverän. Schnitzler sagt im Gespräch, in Helen spiegele sich "der universelle menschliche Drang, geliebt zu werden für das, was man ist und nicht für das, was man darstellt." Aber da der Zuschauer nicht weiß, wie Schümanns Figur wurde, was sie ist, kann er keine empathische Verbindung zu ihr aufbauen. Letztlich bleibt Helen einem fremd, was ausdrücklich nicht Darsteller Schümann anzulasten ist.

"Glaub ich's mir oder glaub ich's mir nicht?"

Ein halbes Jahr hat Schümann sich auf den Dreh vorbereitet, in Gesprächen mit Schnitzler, seinem Schauspielcoach, Freunden und Familie, mit Büchern, Kostüm- und Maskenproben, das Schminken hat er sich von Freundinnen beibringen lassen. "Das war ein Auf und Ab: Glaub ich's mir oder glaub ich's mir nicht?", erzählt Schümann, Jahrgang 1992. Als er bei Drehbeginn Make-up, Perücke und Kostüm zum ersten Mal gleichzeitig trug, habe es endlich "Klick" gemacht.

Reichlich Sympathien verspielt Mein Sohn Helen dann am Schluss, als der unbedingte Wille der Macher durchschlägt, keinen Problemfilm zu machen, höchstens einen Problemchenfilm. Bei einer Gartenparty haben sich alle Konflikte in Wohlgefallen aufgelöst: Helen - Vorsicht Subtext - balanciert gekonnt auf einem Seil. Familie und Freunde applaudieren, von den bösartigen Mitschülern, die ihn vorher quälten, fehlt jede Spur. Als gerechte Strafe wurden sie wohl vom Erdboden verschluckt.

Der Vater hat in der verständnisvollen Vertrauenslehrerin (Winnie Böwe) endlich wieder eine Frau gefunden, die zu ihm passt, und hält eine offenbar aus Glückskekssprüchen zusammengezimmerte Rede: "Das Leben ist eine einzige Entdeckungsreise, und ich werde einen Teufel tun, jemals wieder jemandem anderes die Reiseleitung zu überlassen." Und dann lassen alle kunterbunte Luftballons zum Himmel aufsteigen. Das muss man sich mal vorstellen.

Mein Sohn Helen, ARD, Freitag, 20.15 Uhr

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