ARD-Film "Let's go!":Ohnmacht der Worte

Lesezeit: 2 min

'Let's go'  München

Die Schauspieler Maxim Mehmet, Alice Dwyer, Regisseur Michael Verhoeven, Naomi Krauss und Max von Thun in der denkmalgeschützten Wohnsiedlung Borstei, der Verhoeven seinen neuen Film gewidmet hat.

(Foto: dpa)

"Let's go!" von Michael Verhoeven beruht auf der wahren Geschichte eines jüdischen Ehepaars, das den Holocaust überlebte und in Deutschland blieb. Der Film erzählt von den Geheimnissen und Traumata der Überlebenden. Manchmal aber ist er eher gut gemeint als gut gemacht.

Von Joachim Käppner

Noch heute ist die Borstei in München ein wie aus der Zeit gefallener Ort. Die Mustersiedlung mit ihren kleinen Läden und stillen grünen Höfen wurde in den Zwanzigern von Baumeistern errichtet, die noch darüber nachdenken durften, wie Menschen besser wohnen und zusammenleben sollen. Nach 1945 lebten auch jüdische Überlebende des Holocaust hier, und ihnen und der Siedlung hat der Regisseur Michael Verhoeven seinen neuen Film gewidmet: Let's go! Er beruht auf einer wahren Geschichte, der eines jüdischen Ehepaars, das nach der Befreiung in Deutschland blieb und in der Borstei zumindest äußerlich eine Heimat fand, die ihre Tochter Laura Waco in dem bewegenden Buch "Von Zuhause wird nichts erzählt" schilderte.

Die Eltern wollen ihre Töchter aus bestem Willen behüten, nicht nur vor Gefahren der Gegenwart, sondern erst recht vor den Geistern der Vergangenheit. Diese aber nähren sich von dem Schweigen, sie gehen nicht fort. Die Kinder verstehen nicht, warum die liebevollen Eltern mitunter so die Fassung verlieren, dass der Vater das Versprechen "Das war das letzte Mal, dass ich dich geschlagen habe" nicht einhält. Gute Schauspieler (vor allem Alice Dwyer als Laura) und opulente Bilder, in denen die Schwarzmarktjahre so lebendig werden wie die Adenauerzeit, retten den Film davor, in den Kitsch abzugleiten, meistens jedenfalls.

Geheimnisse, Traumata und Tabus

In seinen guten Momenten erinnert Let's go! auf ergreifende Weise daran, dass die Sprachlosigkeit sich nicht nur auf der Täterseite wie ein erstickendes Gift auf die Familien legte, bis hin zur Rebellion der 68er, die Rechenschaft verlangte von der älteren Generation. Auch bei vielen Überlebenden gab es Geheimnisse und Tabus. Nie verarbeitete Traumata der Eltern wurden zur seelischen Belastung auch für die Kinder, wofür Lauras Mutter, die ihre Kinder nicht anfassen kann, ein eindringliches Symbol ist. Erst am Ende erfährt die Tochter, warum die Mutter sie nicht einfach einmal in den Arm nahm.

Manchmal aber läuft der Film Gefahr, eher gut gemeint als gut gemacht zu sein. Jüdisches Leben erscheint dann beinahe als Karikatur, was auch daran liegt, dass nicht alle Schauspieler das jiddisch geprägte Deutsch vieler Überlebender aus Osteuropa wirklich glaubhaft wiedergeben. Die Rückkehr alter Nazis in die Wohnanlage wirkt arg aufgetragen, die Übeltäter von gestern tragen Tracht und kleiden ihre Kinder wie Pimpfe der Hitlerjugend.

Dabei war das Problem weit größer und umfassender: Die Rehabilitation der meisten NS-Funktionsträger und Mitläufer wurde zum Kennzeichen der viel zitierten Unfähigkeit zu trauern. Dennoch, Verhoeven darf sich mit Recht an Laura Wacos Lob erfreuen, dass er "ein einfühlsamer, sensibler Mensch ist" und hier zeigt, "dass der Schrecken und das Grauen weitgehende Folgen hatten" - noch lange nach 1945.

Let's go!, ARD, 20.15 Uhr.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB