ARD-Film "Komasaufen" Bis zur Besinnungslosigkeit

Markus Quentin als Lukas Güttler im ARD-Film "Komasaufen"

Mit den Alkoholexzessen von Jugendlichen aus vermeintlich gutem Hause beschäftigt sich der ARD-Film "Komasaufen". Die Geschichte endet tragisch, dennoch verzichten die Macher zum Glück auf den erhobenen Zeigefinger.

Von Matthias Kohlmaier

Etwa 72 Menschen zwischen zehn und 20 Jahren tranken sich 2011 in Deutschland täglich krankenhausreif. Insgesamt wurden 26.349 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung in Krankenhäuser eingeliefert. Was die gesellschaftlich legitimierte Droge Alkohol für Jugendliche bedeuten kann, dem geht die ARD in einem Spielfilm mit dem plakativen Titel "Komasaufen" nach.

Lukas ist 16, hochpubertär, fällt in der Schule durch Fehlleistungen auf, wird in der Clique nur geduldet und von den Mädchen ignoriert. Zuhause gerät er ständig mit Karsten (gespielt von Oliver Mommsen, bekannt als Bremer Tatort-Kommissar Nils Stedefreund) aneinander, dem beruflich und privat höchst erfolgreichen neuen Freund seiner Mutter. Angenehmer werden die Dinge für Lukas erst, als er dem Gruppenzwang nachgibt und an den regelmäßigen Besäufnissen seiner Klassenkameraden teilnimmt.

Regisseur Bodo Fürneisen und Drehbuchautor Bernd Böhlich arbeiten sich nicht zum ersten Mal am Thema Alkoholmissbrauch ab. Bereits 2008 haben beide zusammen den Film "Mein Mann, der Trinker" realisiert. Wie damals ein gut situierter Hochschullehrer in die Alkoholsucht schlitterte, so zeigt auch "Komasaufen" nicht etwa Jugendliche aus einem Problembezirk beim übermäßigen Alkoholkonsum. Dem Klischee zuwider spielen Gymnasiasten aus gutem - wenn auch nicht zwingend intaktem - Elternhaus die Hauptrolle.

Mitten in der Gesellschaft

Dass Böhlich die Handlung in der Mitte der Gesellschaft ansiedelt, verleiht ihr umso mehr Wucht. Direkt nach dem Schulgong gehen die ersten Alcopops herum, später wird in einer Nobelvilla - die Eltern sind verreist - gebechert bis zur Besinnungslosigkeit. Obschon manche Szenen übertrieben daherkommen, der Exzess allzu inszeniert wirkt, ist "Komasaufen" kein Lehrfilm mit eindimensionaler Botschaft. Autor und Regisseur erheben nicht moralisch den Zeigefinger, sondern zeigen den berauschenden Strudel, aus dem sich ein 16-jähriger Junge irgendwann nicht mehr befreien kann.

Diesen scheuen Teenager, der angetrunken zum Halbstarken mutiert, spielt Markus Quentin angenehm zurückgenommen. Die Bockigkeit gegenüber Eltern, Lehrern und allen, die vermeintlich sowieso von nichts Ahnung haben, trifft auf die wohl größte Angst, die die Pubertät mit sich bringt: nicht dazuzugehören. Dass Lukas diese Angst mit Alkohol betäubt, merkt er ob der steigenden Anerkennung im Freundeskreis nicht. Die mit neuer Beziehung und unzugänglichem Sohn überforderte Mutter ebenso wenig.

Allein und stumm

Und so kämpft in dieser Geschichte schließlich jeder für sich selbst. Nach einer Sauftour steht Lukas nachts allein auf der Straße, eine halbvolle Flasche in der Hand. Sein Ebenbild in einer Fensterscheibe kann er nicht mehr ertragen und löscht es klirrend aus. Zwar stemmt er sich später noch einmal gegen das traurige Ende, zu retten ist da aber schon nichts mehr.

Wenngleich der Schluss von "Komasaufen" eine bessere Zukunft offenlässt und obwohl viele Szenen kaum zum realen Alltag von Jugendlichen gehören dürften - es wäre zu hoffen, dass dieses Sauf-Drama sein hehres Ziel erreicht: Abschreckung. In den letzten Minuten bedarf es dafür seitens der Protagonisten keines einzigen Wortes mehr. Alles ist gesagt.

Komasaufen, ARD, 20.15 Uhr

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