ARD-Film "Herr Lenz reist in den Frühling" Lebenskrise, Ehekrise, Tabubruch

Leicht unterfordert: Ulrich Tukur als Spießer auf Reisen.

(Foto: Christoph Demel Oster/Degeto)

Was darf man von einem ARD-Film erwarten, an dem selbst Hauptdarsteller Ulrich Tukur zu zweifeln scheint? Ein super-sentimentales Finale - immerhin.

Von Viola Schenz

Mit Holger Lenz muss man Mitleid haben. Zwar hat er es nach der Wende nach West-Berlin und dort bis zum stellvertretende Bezirksleiter bei einer Versicherung geschafft, dennoch ist sein Leben von trauriger Gestalt: Seine Frau Ilona (Steffi Kühnert), Verkäuferin in einem Brautmodenladen, verachtet und betrügt ihn dafür, dass ihm die Alarmanlagen wichtiger sind als ein abwechslungsreiches Eheleben ("Das Haus ist besser bewacht als der antifaschistische Schutzwall, ich kann hier nicht atmen"). Sein schwuler Sohn Linus (Simon Jensen), der kurz vor dem Abitur steht, verhöhnt ihn in seinem Video-Blog "Meine beschissene Familie" öffentlich als "homophoben Spießer". Das Reihenhaus ist noch nicht abbezahlt, und so fährt Lenz allmorgendlich in seinem grauen Anzug durch das winterlich-kahle deutsche Neubaugebiet in sein graues Großraumbüro, wo ihn ein Jüngerer bei der Karriere überholt.

Als ihm dann noch der Familienhund mit dem bemüht ungewöhnlichen Namen "Mister Schmidt" die Gefolgschaft verweigert, wird auch dem unaufmerksamsten Zuschauer klar: Lenz muss raus aus dieser Tristesse! Die Gelegenheit bietet sich, als ein spanischer Alt-Hippie in seinem Büro auftaucht und ihm die Asche seines Vaters in einer Waschmittelflasche plus Nachricht vom einem geerbten Appartement in Thailand auf den Schreibtisch knallt.

Ulrich Tukur spielt diesen überforderten Familienvater, und man kriegt in den 90 Filmminuten den Eindruck nicht los, er fühle sich von Drehbuch (Karl-Heinz Käfer) und Regie (Andreas Kleinert) leicht unterfordert.

"Ich habe den Text gelernt und gehofft, dass mich die Muse küsst"

Diese Degeto-Produktion folgt der Schablonenhaftigkeit vieler ihrer Produktionen: Natürlich ist Lenz Mitte Vierzig (Midlife-Krise!), Versicherungsangestellter (Spießer!), die Frau dauernörgelnd (Ehekrise!), der Sohn exponiert schwul (Tabubruch!), der deutsche Alltag kalt und grau, das Leben in Thailand bunt und laut (neuer Lebensabschnitt!). Als Zuschauer fände man sich im Leben des Holger Lenz auch dann gut zurecht, wenn Personen und Umstände weniger überzeichnet wären.

"Ich habe den Text gelernt und gehofft, dass mich die Muse küsst", hat der 58 Jahre alte Tukur laut Pressetext geantwortet auf die Frage, wie er sich auf die Rolle vorbereitet habe.

Herr Lenz reist also auf den Spuren des Vaters Georg nach Thailand, wohin es den nach der Wende verschlagen hatte. Der Logik des Drehbuchs folgend entledigt er sich schnell seiner deutschen Steifheit, erliegt dem Reiz exotischer Sitten, gerät in die Exilgemeinde westlicher Zausel, die dort nach ihrem dritten oder vierten Frühling suchen, und wacht nach einer drogenreichen Nacht mit einem anstößigen Tattoo am Hals auf. Daheim in Berlin geht alles drunter und rüber, erfährt er aus den Skype-Telefonaten mit Ex-Frau Ilona, und in Pattaya entpuppen sich die Verhältnisse dann doch anders als erwartet. Was bei einem solchen Drehbuch allerdings zu erwarten war, ist das super-sentimentale Finale in Berlin.

Herr Lenz reist in den Frühling, ARD, 20.15 Uhr.

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