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"Exit" im Ersten:Der Tod steht ihnen gut

FilmMittwoch im Ersten: "Exit"

Hier hätte man gerne noch viel länger zugeschaut: Für "Exit" lieferte eine Kurzgeschichte von Simon Urban die Vorlage der Inszenierung.

(Foto: SWR)

In nicht allzu ferner Zukunft wird es digitale Kopien verstorbener geliebter Menschen geben. "Exit" ist ein faszinierend arrangierter Film - aber 90 Minuten sind zu kurz für eine großartige Idee.

Von Claudia Tieschky

Das ist der Stoff, aus dem Nostalgie besteht oder auch Nudelwerbung: Die Mutter beim Kochen, alt und klein ist sie geworden, aber ganz liebreizend zart in ihrer Schürze. An der Küchenwand hängt ein Bildschirm, sie schnippelt Gemüse und führt ein Videogespräch mit ihrem Sohn: Kommst du diesmal nach Hause? Aber an dieser Mutter ist was faul. Ja, es wird ganz schnell deutlich, dass hier etwas nicht stimmt. Die Kamera wechselt die Seite und ist jetzt bei Linus, dem Sohn, der seinerseits in einem weißen Raum mit Stuhlkreis sitzt und Mutters Küche auf dem Bildschirm sieht. Er muss sich zusammenreißen. Zu viele Gefühle. Und dabei geht es um ein Milliardengeschäft mit der Technologie "Infinitalk", die hier gerade einem Investor vorgeführt wird. Trotzdem ist es ein sehr privater Moment, wenn Linus (Friedrich Mücke) zum ersten Mal wieder mit seiner Mutter spricht, die seit drei Jahren tot ist. Das könnte auch unschön werden, aber Gezänk geht hier keines los, denn das ist keine Komödie.

Auch mit diesem Stuhlkreis ist etwas faul, aber die entscheidende und ziemlich gruselige Erkenntnis dazu steht erst am Ende des Films. Anfangs sieht alles nach einer Story aus, die man kennt. Vier Freunde entwickeln eine Technologie und verkaufen sie für viel Geld an den weltweiten Marktführer. Daher die Demo mit Mutti: "Infinitalk", die Technologie, um die es geht, ermöglicht es, dass digitale Kopien eines Menschen erstellt werden können, die nach seinem Tod im Netz weiterleben. Der anstehende Deal entfremdet die Freunde. Denn Linus zögert auf einmal. Luca (Laura de Boer), die einzige Frau in der Gruppe und seine große Liebe, ist ausgestiegen. Sie glaubt: Mit diesem Verkauf würde eine Art Monopol auf die Realität möglich.

Zwangsläufig nämlich führen all die vielleicht sogar mit einem Bewusstsein ausgestatteten Hologramme zu hintereinander gestaffelten Wirklichkeiten und zu einem Problem, das Linus langsam klar wird: Wie kann ich sicher sein, dass ich selber überhaupt echt bin?

Eine ganze Weile ist Exit vor allem ein Film, bei dem die technologische Gegenwart verblüffend geschmeidig in die Zukunft des Jahres 2047 weiterfantasiert wird. Die weißen Konferenzräume, in die sich die Teilnehmer per Hologrammprojektion zusammenfinden, sind eigentlich nur eine erweiterte Form der virtuellen Treffen, die seit Beginn der Pandemie jeder kennt. Dass mit Designs und Dingen gearbeitet wird, die man so ähnlich heute schon kennt, ist ein geschickter Kniff. Er überbrückt die Indifferenz des Zuschauers angesichts einer fremden Welt, die bei Sci-Fi oft aufkommt.

"Near-Future" nennt die ARD diesen Film, ein Genre, das der SWR und der NDR in loser Reihe weiterführen wollen. Für Exit lieferte eine Kurzgeschichte von Simon Urban die Vorlage für Inszenierung (Sebastian Marka) und Buch (Erol Yesilkaya). Leicht hätte es passieren können, dass diese "nahe Zukunft" konstruiert wirken würde - Nostalgiker erinnern sich an den Bügeleisengriff in Raumpatrouille Orion. Und man kann vielleicht kritisieren, dass die Menschen im Film trotz ihrer Hologramm-Kontaktlinsen als Formel für Eskapismus im Jahr 2047 immer noch sagen: "ein Taxi zum Flughafen und los".

Aber genau da, wo Exit Technologie visualisiert, traute man sich viel, was dann bedeutet, eben nicht mit Sci-Fi-Effekten aufzuprotzen, sondern exakt gegenläufig zu arbeiten. Das Hacken eines Accounts zum Beispiel wird gezeigt als Szene, bei der in einem surreal weißen Raum mit einem Brecheisen ein Postkasten aufgestemmt wird, in dem sich Nachrichten auf weißem Papier befinden. Die theaterhafte und gleichzeitig wortwörtlich zu nehmende Bildsprache legt auch ganz von selbst den Verdacht nahe, dass man hier sich längst außerhalb der realen Welt befindet. Manchmal gibt es einen Blick auf ein schwarzes Außen, durch das Impulse auf ihren Bahnen in der Cloud zischen. Manchmal flüstern die Räume, denn Gespenster gibt es auch im digitalen Fegefeuer.

Wie lässt sich diese faszinierende Idee in einen 90-Minuten-Thriller packen? Durch Liebe und konsequentes Auf-die-Uhr-Schauen natürlich. Nach dem diese unerhörte Welt entworfen ist, über die man gerne noch länger gestaunt und sich darin versponnen hätte, schaltet Exit unverzüglich auf dramaturgische Zweckmäßigkeit um (also eine Lovestory) und schaukelt die ganze Sache recht gradlinig auf ein Ende zu, das zwar wirklich nicht schlecht ist, aber so unvorbereitet um die Ecke kommt, dass es einen erstaunlich kaltlässt.

Warum nur wird aus jedem mittelmäßigen Krimi-Plot inzwischen eine Mini-Serie gebaut - aber wenn das Fernsehen einmal einen wirklich gewagten Entwurf auf höchst ungewöhnliche Weise illusioniert, warum muss ausgerechnet das dann in 90 Minuten aufgebaut, gelöst und wieder abgebaut sein, als wäre das Wichtigste, schnell mit diesem Experiment fertig zu werden, damit alle nach Hause können und Fischsemmeln essen? Der Film ist erdacht und inszeniert auf der Höhe der Möglichkeiten und fachgerecht tiefergelegt vom deutschen Fernsehen.

Exit, Das Erste, 20.15 Uhr

© SZ/hy/avob
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