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ARD-Film:Düstere Freiheit

Unschuldig

Nach dem Knast: Alexander Schwarz (Felix Klare, hinten) mit seinem Bruder (Sascha Alexander Gersak).

(Foto: ARD Degeto / Christine Schroeder)

Ein wegen Mordes verurteilter Familienvater kommt aus dem Gefängnis frei - in ein Leben, das keines mehr ist. Das Erste zeigt mit "Unschuldig" einen fesselnden Krimi.

Den Anfang dieses Films kann man vergessen. Da sind die Darsteller zu sehen, wie sie jeweils ihren Kopf in die Kamera drehen und betroffen dreinschauen. Da will man eigentlich schon peinlich berührt abschalten. Zumal ein Cello bräsige Töne aus dem Pathossumpf zerrt und visuelle Blitzshots einen Vorabeindruck geben von dem, was da kommt. Sofort denkt man: Es wird nichts Gutes sein. Aber dann.

Ein Todkranker widerruft seine Aussage, mit der er vor sieben Jahren Alexander Schwarz hinter Gitter gebracht hat. Der soll seine Frau ermordet haben, doch jetzt kommt er frei und kehrt zurück in ein Leben, das keines mehr ist.

Nur sein Bruder hält noch zu ihm. Die Kinder leben bei der Schwägerin, die fest an seine Schuld glaubt. Auch in der öffentlichen Meinung bleibt Schwarz der Mörder. Das will er nicht auf sich sitzen lassen, er will wissen, wer der Täter wirklich war. Genau wie Kommissarin Katrin Jahnke. Die soll den Fall neu aufrollen. Und schnell stößt sie dabei auf Ungereimtheiten.

Die packende Geschichte von Unschuldig basiert auf der ITV-Miniserie Innocent, die 2018 an vier Abenden im englischen Fernsehen lief. Florian Oeller hat aus der Vorlage das Drehbuch destilliert, die Handlung ans neue Format angepasst und Regisseur Nicolai Rohde damit eine Vorlage geliefert, die dieser durch behutsame Rollenführung und ein feines Gefühl fürs rechte Maß traumhaft verwandelt.

Der Film lebt von der Frage, ob Schwarz wirklich unschuldig ist. Lange wirkt er undurchsichtig, aber das wandelt sich, weil andere unter Verdacht geraten. Da ist der Freund, der einst das Schwarz gegebene Alibi widerrief. Da ist die Schwägerin, die sich mit den Kindern ihrer toten Schwester das Familienglück eingerichtet hat, das ihr sonst versagt geblieben wäre. Da ist aber auch die junge Ermittlerin, die just den Fall neu aufarbeiten muss, den ihr Geliebter und Kollege einst glanzvoll zu lösen verstand. Eigentlich wollten die zwei gerade eine Familie gründen, doch nun gerät da vieles ins Wanken, weil sich herausstellt, dass es ihm vor sieben Jahren vor allem darum ging, rasch einen Mörder zu präsentieren.

Es ist diese vielfältige Verstrickung, die fesselt. Weil viele ein Motiv haben, ihre Wahrheit als die allein gültige dastehen zu lassen, sind viele verdächtig. Das macht es schwierig für die Ermittlerin Jahnke. Die wird gespielt von Britta Hammelstein, und so wie sie ihre Rolle anlegt, hat das viel von jenem spröden Charme, den man bei Olivia Colman in der britischen Serie Broadchurch schätzen gelernt hat. Hammelstein zeigt nur wenige Regungen, aber genau die sitzen, spiegeln Zweifel und malen das Bild einer großen inneren Zerrissenheit.

Zweiter Glanzpunkt ist Yuri Völsch, der Lasse spielt, den Sohn des sieben Jahre Inhaftierten. Wie er sich behutsam an seinen lange verlorenen Vater herantastet, fasziniert durch eine verhaltene Intensität. Kleine Schwachpunkte sind ausgerechnet die großen Namen im Film: Sowohl Felix Klare, den man vom Stuttgarter Tatort kennt, als auch Anna Loos bleiben hinter den Leistungen ihrer Mitspieler zurück. Nicht viel, aber merklich, denn ihr Spiel lässt den wenigsten Spielraum für Interpretation.

Klare schaut meist grimmig, und ab und zu verzweifelt. Loos als tendenziell hysterische Schwägerin übt sich wahlweise im Zerfließen oder Verhärten. Das aber mindert nicht den formidablen Eindruck dieses Großwerks, das noch nachhallt, wenn der Abspann längst durch ist.

Unschuldig, Samstag, 20.15 Uhr, das Erste.