ARD-Film "Die Verführerin Adele Spitzeder" Mutter des Anlagebetrugs

Der Bernard Madoff des 19. Jahrhunderts hieß Adele Spitzeder und wohnte in München. Die gescheiterte Schauspielerin trieb Kleinanleger, Kirchen und ganze Gemeinden in den Ruin. Birgit Minichmayr spielt ein großartiges Miststück in einem Film, der ein Lehrstück über Geld und Gier hätte sein können - dem aber die Fallhöhe fehlt.

Von Eva Rose Rüthli

Für die übliche Fernseh-Seligsprechung mit Großschauspielerin, Geigengefiedel und Kostümgewalle ist die historische Figur Adele Spitzeder eine ziemlich untypische Wahl. Denn Spitzeder war ein rechtes Miststück: eine gescheiterte Schauspielerin, die aus purem finanziellen Eigennutz die "Dachauer Bank" gründete, das Geld der Armen einsammelte und hohe Zinsversprechen machte, davon dann aber selbst in Saus und Braus lebte.

Ungewöhnliche Heldin: Adele Spitzeder will eben Erdbeeren zum Champagner, auch wenn sie die Zimmermiete nicht mehr bezahlen kann.

(Foto: BR/ORF/Petro Domenigg)

Im Film, den der ehemalige Fassbinder-Kameramann und Margarete-Steiff-Regisseur Xaver Schwarzenberger nun über ihr Leben gedreht hat, gibt sie ein paar Claqeuren Geld, damit sie die hübschere Schauspielkollegin in der Vorstellung blöd niederbuhen, sogar den Pfarrer besticht sie, auf dass er ihre vermeintlich guten Taten von der Kanzel predigt, und als ein Journalist fies über die Dame schreibt, kauft sie eben eine Zeitung und lässt fortan nur noch Huldigungen drucken. Ein Theater will sie bauen, aber nur mit dem Ziel, dass sie, die in Wien vom Regisseur wegen Talentlosigkeit fortgejagt wurde - und dann, der vielen Schulden wegen, gerne ging - endlich wieder die Hauptrolle bekommt.

Der "Weibsteufel" Birgit Minichmayr (in dieser Rolle ist sie derzeit am Münchner Residenztheater zu sehen) spielt die Adele zupackend, zeternd, balzend, großartig; trotzdem ist Die Verführerin Adele Spitzeder ein mittelprächtiger, weil mittelunterhaltsamer Film geworden. Das ist sonderbar, denn so vieles erscheint wirklich konsequent und mutig gedacht.

Da ist zunächst die ungewöhnliche Heldin. Bisher waren stur bis bockig die negativsten Eigenschaften, die das Format des öffentlich-rechtlich historisierenden Fernseh-Biopics seinen Dramen-Damen gestattete - Margarete Steiff und Hope Bridges Adams haben vielleicht trotzig geschaut, Bertha Benz hat sogar ein Auto angeschoben und ein wenig gegen den Regen angebrüllt - immer aber stand der Starrsinn im Dienst einer übergeordneten Sache: dem Unternehmen, der Frauengesundheit, dem Fortschritt und der Karriere des Ehemanns.

Komödienstadl in gepflegtem Oxford-Bairisch

Bei Spitzeder ist es purer Egoismus. Sie will eben Erdbeeren zum Champagner, auch wenn sie die Zimmermiete schon lang nicht mehr bezahlen kann. Für eine Fernsehproduktion ist solch eine ambivalente Heldin ein Risiko. Kein Zuschauer will sich mit so einem Biest identifizieren.

Um das abzupudern, nimmt die Dramaturgie der Geschichte das Drama. Aus Spitzeder hätte man gut ein Lehrstück über Gier und Geld machen können, immerhin war sie der erste Bernie Madoff, sie trieb Kleinstanleger, Arme, ja auch Kirchen und ganze Gemeinden mit ihrem Schneeballsystem in den Ruin. Als sie 1872 verhaftet wurde, hatte sie 31.000 Menschen geprellt, viele von ihnen begingen Selbstmord.

Der Fernsehfilm aber ist ein Komödienstadl in gepflegtem Oxford-Bairisch. Geld kommt in großen Scheinen und geht in großen Scheinen. Über die elementare Wucht, die in dieser Geschichte steckt, wird krachledern hinweggepoltert. Es gibt keine Tiefe, keine Fallhöhe, kein bisschen Verzagen, und auch das Verführerische der Verführerin wirkt ein wenig holterdipolter.

Der säuselschöne Dichter Balthasar Engel, der ihr ein Stück auf den Leib schreiben soll, sagt irgendwann: "Du hast gar kein Herz, Adele. Du benutzt Dichtung und Kunst als Schmuck für deine Allüren. So ist es auch mit den guten Werken, die du tust - Zierrat für einen unendlichen Appetit."

Die Verführerin Adele Spitzeder, ARD, 20.15 Uhr.

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