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ARD-Film "Die lange Welle hinterm Kiel":Kriegsgeschichte auf dem Luxusliner

Die ARD-Melancholiefabrik Degeto wagt sich zu Jahresbeginn an eine ehrgeizige Literaturverfilmung: "Die lange Welle hinterm Kiel" basiert auf einem Roman des tschechischen Schriftstellers Pavel Kohout. Erst sieht es nach Traumschiff-Kitsch aus, dann jedoch geht es um die deutsche Kriegsgeschichte und das Schicksal der Sudetendeutschen.

Es fällt nicht nur ein bisschen auf, es fällt sehr auf, wie die ARD in ihrer Broschüre des Films Die lange Welle hinterm Kiel immer wieder das Traumschiff thematisiert, jene unendliche ZDF-Reise auf dem Meer, die seit 30 Jahren von einem angeblichen Sehnsuchtsort der Welt zum nächsten führt.

ARD-Film 'Die lange Welle hinterm Kiel'

Der Roman ist gut, das Drehbuch auch und die Schauspieler ohnehin. Und so schreitet Hörbiger als reiche alte Zicke an Deck, gefolgt von Mario Adorf, der einen Schweizer Chirurg spielt.

(Foto: dapd)

Die lange Welle hinterm Kiel also ist ein Roman des in Prag geborenen 83-jährigen Schriftstellers Pavel Kohout. Wenn sich Volker Herres, der ARD-Programmdirektor, zu der Romanverfilmung äußert, beginnt er mit dem Satz: Das Fernsehspiel "mag auf den ersten Blick wie eine Traumschiff-Folge anmuten".

Im Begleittext heißt es: "Die Traumschiff-Kulisse täuscht." Darin spiegelt sich womöglich die Furcht, der anspruchsvollere Zuschauer, unter Umständen kennt er ja das Original, könne beim Fernsehgenre Kreuzfahrtschiff, dort spielt die Handlung, weiterzappen. Andererseits soll der Verweis die Qualität des ehrgeizigen Projekts betonen. Denn "der Schein trügt", schreibt auch Herres, "hier gehen nicht die üblichen Wellness-Gäste an Bord."

Das ist richtig, und ehrgeizig ist das Projekt, weil es sich um ein Vierpersonenstück handelt und deutsche Kriegsgeschichte verhandelt wird. Man könnte sich außerdem die Frage stellen, wie ausgerechnet die Degeto, als Produktionseinheit die Melancholiefabrik der ARD, so eine literarische Vorlage meistert, die sie finanziert hat.

In diesem Fall ist das Degetohafte nur an zwei, allerdings schlimmen Stellen vorhanden. Produziert wurde Die lange Welle für ARD und ORF von einer österreichischen Firma, besetzt wurde sie mit Christiane Hörbiger und Mario Adorf in den beiden etwas größeren Rollen. Hörbiger, 73, und Adorf, 81, haben einiges Melodramtisches gedreht in den vergangenen Jahrzehnten. An einer Verkitschung Kohouts hätten sie vermutlich nicht mitgewirkt.

Monarchische Geringschätzung

Der Roman ist gut, das Drehbuch, in dem Klaus Richter den Stoff für den Film übertrug, ist auch gut, die Darsteller sind es ebenfalls. Und so schreitet Hörbiger als reiche alte Zicke an Deck, begleitet von einem schönen, viel jüngeren Mann, weshalb das an Wellness-Gäste gewöhnte Personal raunt: "Das ist sie, Margarete Kämmerer, österreichisch-bayerische Kalk- und Betonwerke, genannt die Schreckschraube". Sie kommt mit ihrem, was wohl: Lover. Ihr folgt Adorf, "ein Chirurg aus der Schweiz und Universitätsprofessor im Ruhestand". Er heißt Martin Burian. "Und wer ist die junge Frau?"

Tja, wer soll sie schon sein. "So sind sie, die Reichen und Schönen", sagen sich die Stewards gönnerhaft. Sie sind von sich sehr überzeugt. Und im nächsten Augenblick führt sie die Schreckschraube schon wie erwartet vor, weil die von ihr gewünschte Weinsorte nicht in der Schiffskühlung lagert. "Dann bestellen Sie Ihrem Kapitän, dass ein Gast hier ist, der vom nächsten Halt an Plascheck Smaragd täglich verlangen wird", sagt Hörbiger. Und im Klang ihrer Stimme schwingt eine monarchische Geringschätzung, die so wunderbar gar nicht passen möchte zu Kalk und Beton.

Auch die Klischees passen nicht. Unterhaltung für Unterhaltung, Satz für Satz erfährt man unterschiedliche Wahrheiten. Sigi ist nur der Neffe der Baulöwin. Die ernste Blonde ist die Schwiegertochter des Arztes. Und es gibt noch eine Stimme mit Klang, die Adorfs beziehungsweise Burians, an den sich die Österreicherin erinnert und der bei ihr körperliche Schmerzen auslöst. Sie will aussteigen, die Kreuzfahrt abbrechen, obwohl der Plascheck auf dem Weg ist.