ARD-Film "Am Ende des Sommers":Liebeslügen

Lesezeit: 2 min

Am Ende des Sommers ARD

Ben (Thomas Schubert) ist mit der Schule fertig - aber auch seine Mutter Sylvia (Julia Koschitz) muss sich mit dem Ende ihrer Jugend befassen.

(Foto: MDR/ORF/Hubert Mican)

"Am Ende des Sommers" ist das zärtlich-traurige Porträt einer Mutter, die ein düsteres Geheimnis plagt. Aber dann beginnt ihr Sohn, Fragen zu stellen und stößt eine einsame Reise in die Vergangenheit an.

Von Julia Weigl

Ben glaubt, ein Kind der Liebe zu sein. Auf einer wilden Zugreise durch Europa soll seine Mutter Sylvia seinen Vater kennengelernt haben. Eine flüchtige gemeinsame Nacht, neun Monate später die Geburt. Ben kennt nur diese Geschichte. Er hinterfragt sie nicht, akzeptiert Sylvias Erzählung - tröstet sie ihn doch über die Tatsache hinweg, dass er ohne Vater aufgewachsen ist.

Aber mit der Realität hat die Geschichte nichts zu tun. Mit 16 Jahren wurde Sylvia vergewaltigt, der Täter nur zu einer kurzen Haft verurteilt. Gebrochen flüchtet die junge Mutter mit ihrem Kind in die Großstadt Wien, um dort ein neues, anonymes Leben zu beginnen. Ohne die traumatischen Erinnerungen an ihr altes Leben - aber das geht nicht ewig gut.

Leises Stöhnen, dann eine Hand auf dem Waldboden

Am Ende des Sommers heißt Nikolaus Leytners Familiendrama, das zärtlich-traurige Porträt einer Mutter, gespielt von der entzückenden Julia Koschitz, die ihren Sohn zu schützen versucht - und dadurch alles nur noch schlimmer macht. Für sich. Aber auch für Ben. Der Film bleibt stets ganz nah an seinen Figuren, fast schon klaustrophobisch nah: Als Ben mit seiner Mutter scherzen möchte, sie mit seinen starken Armen umklammert und nicht mehr loslässt, ist das für Sylvia die Hölle. In ihr kommt sofort die Erinnerung hoch, ähnelt Ben seinem Erzeuger doch unheimlich. Aber die bedrohliche Situation eskaliert nicht, vielmehr bleibt die Spannung den ganzen Film über erhalten.

Ganz unaufdringlich und langsam tastet sich Am Ende des Sommers an die grausame Vergangenheit von Silvia heran. Vieles wird nur angedeutet, erst nach und nach aufgearbeitet. Bereits in der ersten Szene spielt der Film mit der Wahrnehmung des Zuschauers: leises Stöhnen, eine nackte Hand, die sich in den modrigen Waldboden schiebt, sich ruckartig hin und her bewegt. Es ist dunkle Nacht. Das Stöhnen wird intensiver, unangenehmer. Die Hand öffnet sich: Sie ist blutverschmiert. Allmählich entfernt sich dann die Kamera von dieser Hand: Aus der Vogelperspektive ist ein regungsloser Körper zu sehen, das Unterhöschen heruntergezogen.

Erst jetzt beginnt die eigentliche Geschichte: Ben (Thomas Schubert) ist fertig mit der Schule. Ein neuer Lebensabschnitt mit wichtigen Entscheidungen wartet auf ihn - und hoffentlich die lang ersehnte Freiheit. Die Matura-Feier mit Freunden, der Sommerjob, dann die erste große Liebe. In diesem Sommer wird sich für Ben vieles ändern. Erst recht, als die Lüge seiner Mutter auffliegt: Er ist nicht das Produkt eines leidenschaftlichen One-Night-Stands, sondern einer brutalen Vergewaltigung. Ben begibt sich auf eine einsame Reise in die Vergangenheit seiner Mutter.

Sylvia kann sich nicht mehr vor ihrer Vergangenheit verstecken. Auch sie muss sich jetzt mit ihrem alten Leben auseinandersetzen: Eine doppelte Coming-of-Age-Geschichte, in der sich Mutter sowie Sohn emanzipieren. Von sich selbst und voneinander, um am Ende wieder zueinanderzufinden.

Am Ende des Sommers, ARD, 20.15 Uhr.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB