ARD-Doku "Willkommen auf Deutsch" In der kleinen Welt des Herrn Prahm

Die mehr als 50 Flüchtlinge, die nach Appel kommen sollen, sieht Hartmut Prahm als Problem.

(Foto: NDR/Pier53/Boris Mahlau)

Wie reagieren deutsche Dörfer auf Flüchtlinge? Dieser Frage geht die ARD-Dokumentation "Willkommen auf Deutsch" nach. Hoffnungsvoll stimmt der Film nicht.

Von Lisa Schnell

Langsam schiebt Hartmut Prahm sich durch sein Dorf in Niedersachsen, vorbei an roten Backsteinhäusern mit Rüschengardinen. Kein Supermarkt, kein Bäcker, nur eine Bushaltestelle. Eine Deutschlandfahne flattert im Wind. "Das hier ist das noch beschauliche Dorf Appel", näselt Prahm. Noch, denn seinem Dorf wird scheinbar Unerträgliches zugemutet: 53 Flüchtlinge sollen künftig in einem alten Pflegeheim einziehen. "Das ist ein Problem", sagt Prahm.

Nur eine Autostunde weiter, in Tespe, drückt Ingeborg Neupert ein junges Mädchen an ihre Brust. Larisa soll abgeschoben werden. "Das hat einem richtig ins Herz geschnitten", sagt Neupert. Sie ist für Larisa so etwas wie eine deutsche Großmutter geworden.

Im Herzen der Bürgerlichkeit

Zwei Szenen aus dem Dokumentarfilm von Hauke Wendler und Carsten Rau. Zwei Antworten auf die Frage, die der Film schon im Titel trägt: Was heißt "Willkommen auf Deutsch"? Was passiert, wenn der Fremde auf einmal ein Klingelschild hat? Auf ihrer Suche gingen die Filmemacher in zwei Orte im Landkreis Harburg bei Hamburg, direkt ins Herz der Bürgerlichkeit nach Appel und Tespe. Dort stößt die Hoffnung der Flüchtlinge auf die Angst von Wutbürgern, aber auch auf offene Herzen. Und dazwischen Reiner Kaminski, ein überlasteter Mann von der Kreisverwaltung Harburg, der an den widersprüchlichen Vorgaben der Politik - Willkommenskultur ja, aber bitte nicht integrieren - genauso verzweifelt wie an Bürgern wie Hartmut Prahm.

Der sitzt nun mit ein paar besorgten Müttern beim Bürgermeister. Sie schlürfen Kaffee aus weißen Porzellantassen und besprechen ihre Sorgen. Die Flüchtlinge hätten doch ein gewisses "Potenzial". Damit meinen sie nicht, dass viele gut ausgebildet sind, sondern "die männlichen Bedürfnisse". Frauen und Kinder hätten Angst. Vor der Kamera referiert der SPD-Bürgermeister recht klug, dass Fremdenfeindlichkeit am besten bekämpft wird durch den Kontakt mit dem Gefürchteten. Trotzdem: 53 Flüchtlinge sind offenbar zu viel. Am Ende wird der Umbau für das Flüchtlingsheim doch nicht genehmigt.

Man möchte den Bürgermeister an seinem SPD-Schal rütteln und Hartmut Prahm am liebsten auf ein Schlauchboot ins Mittelmeer verfrachten. Ganz natürlich braust die Empörung in einem auf, denn der Film ist kein Lehrstück. Es gibt keine Opfer und keine Volksverhetzer und keinen Kommentar aus dem Off, der die Welt erklärt. Stattdessen wird die kleine Welt von Herrn Prahm so detailreich gezeigt, dass für den Mann, der minutenlang über die Schönheit der deutschen Eiche sinniert, fast so etwas wie Verständnis aufkeimt. Es ist Pegida in klein: Die Furcht ist dort am größten, wo es keine Fremden gibt.

"Die breite Mitte schweigt immer noch"

Was ist in Tröglitz seit dem Brandanschlag passiert? Markus Nierth warnt im Gespräch: bei weitem nicht genug. Interview Von Cornelius Pollmer mehr ...

Neutral bleiben die Filmemacher trotzdem nicht, sondern lenken, wenn auch sehr subtil, durch die Dokumentation. Am meisten fällt das beim Schnitt auf: Hier die abstrakte Angst der Bürger, dort das konkrete Leid der Flüchtlinge, etwa von Larisa. Die zarte 21-jährige Tschetschenin kümmert sich um ihre fünf Brüder, ihre Mutter ist im Krankenhaus. Am Schluss liegt Larisa selbst dort - wegen Erschöpfung. Sie soll alleine - ohne ihre Familie abgeschoben werden. Trost findet sie in den Armen von Ingeborg Neupert. Die Rentnerin lernt mit den Kindern Deutsch, hilft mit den Behörden. "Wenn du so eine Familie mal kennenlernst, ist nichts mehr mit wegschieben", sagt sie und es klingt fast so, als würde sie den Bürgern die Angst nehmen wollen.

Und siehe da, so schlimm finden die Bürger von Appel die elf Flüchtlinge doch nicht, die am Ende in einem Hotel - es heißt natürlich "Deutsches Haus" - unterkommen dürfen. Hoffnungsvoll stimmt "Willkommen auf Deutsch" trotzdem nicht. Dafür ist die Ratlosigkeit von Behördenleiter Kaminski zu groß. Am Ende fordert kein linker Aktivist, kein mitfühlender Bürger eine Reform der Asylpolitik - sondern er, der nüchterne Beamte im grauen Anzug.

Larisa kommt mit ihrer Familie aus Tschetschenien - und soll ohne sie abgeschoben werden.

(Foto: NDR/Pier53/Torsten Reimers)

Willkommen auf Deutsch, ARD, 22.45 Uhr