ARD-Doku über Vergewaltigungsprozesse Wenn man sich rechtfertigen muss, eine schwere Straftat angezeigt zu haben

Allein gegen alle: Missbrauchte Frauen leiden vor Gericht extrem, wenn ihnen nicht geglaubt wird.

(Foto: WDR)

Ein ARD-Film schildert, wie es vergewaltigten Frauen in den Mühlen der Strafverfolgung ergeht. Der Film ist ein Plädoyer für besseren Opferschutz - und bestes, relevantes Fernsehen.

Von Ralf Wiegand

Diese Dokumentation ist ein Skandal. Sie ist deshalb ein Skandal, weil die Taten, die dort zur Sprache kommen, aber vor allem deren juristische Aufarbeitung so passiert sind. Eine vergewaltigte Frau, die sich vor Gericht ihre eigene Vergewaltigung auf Video anschauen muss; eine vergewaltigte Frau, deren Peiniger trotz Anklage nicht der Prozess gemacht wird; eine vergewaltigte Frau, die durch ihre unwürdige Vernehmung beinahe in den Freitod getrieben worden wäre: Sie sind Beispiele, aber keine Ausnahmen. Vergewaltigt - wir klagen an! ist ein journalistisch sauber durchargumentiertes Plädoyer für den Opferschutz.

Viel zu viele Frauen erleben noch immer, dass sie sich in der Amtsstube ihres Vorgesetzten, im Vernehmungszimmer der Polizei oder auf dem Zeugenstuhl im Gericht dafür rechtfertigen müssen, eine schwere Straftat angezeigt zu haben. Sie wissen schon, dass Sie dabei sind, das Leben Ihres Kollegen zu zerstören? Haben Sie ihm nicht vielleicht doch Avancen gemacht? Auf ihrem Instagram-Konto ist ein Foto im Badeanzug, sind Sie immer so freizügig? Haben Sie sich nicht gewehrt?

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Mit solchen Unterstellungen und Täter-Opfer-Verdrehungen sind auch jene Frauen gedemütigt worden, deren Geschichten dieser WDR-Film aus der Doku-Reihe "Was Deutschland bewegt" erzählt. Nur 15 Prozent der Frauen, die sexuelle Gewalt erleben, gingen bisher überhaupt zur Polizei, ergab eine EU-Studie von 2014, vor der "Me Too"-Debatte. Man kann es verstehen.

Anna, Silke und Nora haben ihre Vergewaltiger angezeigt, zeitnah und überzeugend - und sind doch durch die Hölle gegangen. Sie sind Opferzeuginnen: Geschädigte, die gleichzeitig die Einzigen sind, die man zu den Taten befragen kann, wenn kein Dritter dabei war und die Täter schweigen oder leugnen. Es kommt also darauf an, ob Polizei, Justiz oder Vorgesetzte ihnen glauben. Von den strategischen, fahrlässigen und bisweilen rechtswidrigen Angriffen auf diese Glaubwürdigkeit handelt die eindringliche, sensible und doch sehr direkte Dokumentation. Von Opfern, die so ein zweites Mal Opfer werden. Und von Opferschutz, der in der deutschen Justiz ein Thema für die Nachschulung ist.

Der Film von Nicole Rosenbach könnte aktueller kaum sein. Die Anklage gegen den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein und die Reaktionen vieler Frauen, die er sexuell angegriffen haben soll, sind gerade erst ein paar Tage her. Ihre Befreiung rührt vor allem daher, dass ihnen endlich geglaubt wird und Konsequenzen folgen. In München konnte man zuletzt in zwei Verfahren gegen einen ehemaligen Hochschulpräsidenten erleben, wie die Glaubwürdigkeit der Opfer im Gerichtssaal zermalmt werden sollte und in welche Not Richter kommen können. Nur wer weiß, was er tut, gerät zwischen Wahrheitsfindung und Opferschutz nicht in einen Konflikt. Der Film ist bestes, relevantes öffentlich-rechtliches Fernsehen.

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