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ARD-Doku "Schlachtfeld Politik":Bis es knack machte

Tabubruch: In Stephan Lambys Doku "Schlachtfeld Politik" kommen Menschen zu Wort, die in der Politik verletzt wurden - und auch andere verletzt haben. Der Regisseur erzeugt mit seinen Bildern eine große Wucht - und kommt so ohne Sprechertext und ohne Interpretation aus.

Es ist eine stille Szene, die Kamera zoomt langsam heran an diesen am Boden festgeschraubten Stuhl, schwarze Armlehnen, Sitzfläche bezogen mit blauem Stoff, eingeklemmt unter dem Besucherbalkon des Bundestags und einer Betonsäule, am Ende einer Treppe.

ARD-Dokumentation 'Schlachtfeld Politik - Die finstere Seite der Macht'

Die ehemalige grüne Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer, erzählt in "Schlachtfeld Politik - Die finstere Seite der Macht", wie sie von ihren männlichen Parteikollegen zum Rücktritt gezwungen wurde.

(Foto: dapd)

Ein Einzelsitz wie beim Zahnarzt. Oder wie bei einer Hinrichtung. Die Bilder sind ein wenig pixelig, denn sie stammen aus einer Zeit, in der es das hochauflösende Fernsehen noch nicht gab. Er kommt aus dem Archiv, dieser kleine Ausschnitt, den Stephan Lamby in seine sehr sehenswerte Dokumentation über das Schlachtfeld Politik - die finstere Seite der Macht eingebaut hat. Mit diesen alten Bildern eine Wucht zu erzeugen, die sprachlos macht, ist die Kunst dabei.

Dieser einsame Stuhl im Bundestag gehörte Jürgen Möllemann. Das Parlament hatte den einstigen FDP-Star in die letzte Ecke abgeschoben, als schämte es sich für ihn. Kurz darauf machte der Fallschirmspringer Möllemann seinen letzten Sprung. Als er tot war, stellte jemand ein Gesteck aus weißen Rosen auf seinen würdelosen Platz im Parlament. Dieses Bild zeigt der Film, den Sitz mit den Blumen, und der Möllemann-Freund Wolfgang Kubicki, heute noch FDP-Fraktionschef in Kiel, berichtet, wie sich Möllemann gefühlt haben musste, als die eigene Partei ihn, ja: fallen ließ.

Die Politik kennt viele Opfer, und wie auf einem Schlachtfeld üblich, sind die Rollen nicht eindeutig verteilt. Wer hätte statt Opfer Täter sein können, wäre er nur trickreicher oder entschlossener gewesen?

Die vom NDR in Auftrag gegebene Dokumentation, die in einer 45-minütigen Fassung am Montag in der ARD und als 75-Minuten-Film im Juni im NDR gezeigt wird, lässt Menschen aus der Politik zu Wort kommen, die in der Politik verletzt worden sind und möglicherweise auch andere verletzt haben: Kurt Beck (SPD), Andrea Fischer (Grüne), Erwin Huber (CSU), Katina Schubert (Die Linke) und Kubicki (FDP); in der Langversion noch Mathias Petersen (SPD) und Wolfgang Bosbach (CDU).

Stephan Lamby hat über ein Jahr an diesem Film gearbeitet, hat stundenlange Interviews geführt. Er hat seine Gesprächspartner ganz langsam aufgebrochen, bis es knack machte. Als die ehemalige Gesundheitsministerin Andrea Fischer das Ergebnis sah, erschrak sie regelrecht. Der Filmemacher hatte es auch bei ihr geschafft, die Hülle zu durchdringen, die in diesem Geschäft die Seele schützen soll. Banalitäten in der Politikersprache sind zu einem großen Teil ja ein Schutzmechanismus. Niemand, der nach der Macht strebt, will verletzlich wirken.

Andrea Fischer erzählte vor der Kamera, dass "die Jungs" Joschka Fischer und Jürgen Trittin sie damals, in der BSE-Krise 2001, zum Rücktritt gezwungen hätten, den sie der Öffentlichkeit als ihren eigenen Entschluss verkaufte. Sie erzählt, wie es ihr danach ging: "Ich habe eine schwere Depression gekriegt, die ich auch nur mit Medikamenten und einer Therapie im Laufe eines Jahres bekämpfen konnte." Zehn Jahre lang habe ihr dieses Scheitern zugesetzt, eine berufliche Karriere verhindert und sie den größten Teil ihres Selbstvertrauens gekostet.

Starke Worte sind das, weswegen dieser Film ohne Sprechertext auskommt, ohne Interpretation. Die Interviews sprechen für sich, und die alten Bilder wirken.

Schlachtfeld PolitikARD, Montag, 22.45 Uhr.