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ARD-Doku "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort":Politiker - zu Sonderlingen, Tricksern und Betrügern degradiert

Die Dokumentation "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort" zeichnet von Uwe Barschel bis heute den Vertrauensverlust der Deutschen in die Politik nach und kostet diesen Zustand aus. Kronzeugin für die These ist Sahra Wagenknecht als politisch so reine Engelsgestalt, dass alles möglich erscheint. Ein schlechter Film über schlechte Politik, am Montag in der ARD.

Es gibt eine Szene in diesem Film, die fassungslos macht. Da steht Sahra Wagenknecht auf einem Balkon, die Kamera fängt sie in mildem Licht von der Seite ein, sodass man erahnen kann, wie der visionäre Blick der einstigen Kommunistin und heutigen Vorzeige-Linken irgendwo in die Ferne schweift, über die Kuppel des Reichstags hinweg, vielleicht in die Zukunft, was weiß man schon. Womöglich ist es eine Zukunft in Regierungsverantwortung. Die Kronzeugin in Stephan Lambys Film über Lüge und Wahrheit in der Politik erscheint jedenfalls als eine politisch so reine Engelsgestalt, dass alles möglich erscheint. Die Szene auf dem Balkon ist der Höhepunkt dieser Wandlung Wagenknechts ins Sphärische, eine der Stellen, an denen sich der Autor wirklich lächerlich macht.

Stephan Lamby gehört zu den wenigen Fernsehautoren jenseits der politischen Berichterstatter aus den Berliner Hauptstadtstudios, die sich überhaupt trauen, politische Geschichten zu erzählen. Und Lamby ist ein sehr guter Erzähler, er hat spannende Filme über die Regierung Schröder nach dem 11. September 2001 oder auch über das Verhältnis von Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble gemacht. Lamby versteht es, auch länger zurückliegende Ereignisse in wenigen Bildern, Szenen und Zitaten pointiert aufzureißen und in Erinnerung zu rufen. Als Zuschauer erwischt man sich immer mal wieder bei dem Gedanken: Ach ja, stimmt, so war das damals.

So macht er es auch in seinem neuen Film Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort - über Lüge und Wahrheit in der Politik. Es ist eine Collage aus Ereignissen, die, wie der Titel schon nahelegt, bei Uwe Barschel beginnt und in der Gegenwart endet. Es ist ein Film, der den Vertrauensverlust der Menschen in die Politik mit Lug und Betrug, Tricks, Unwahrheiten, Machtgeilheit und Erpressung der Politiker erklärt. Wer wollte dem widersprechen? Aber über diese Bestandsaufnahme kommt Lamby leider nie hinaus. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort ist ein Film, der den Zustand, den er bedauert, eher noch vertieft, weil er ihn nicht analysiert, nicht einordnet, sondern nur darstellt, um nicht zu sagen: auskostet.

Hinter dem eigenen Anspruch zurückgeblieben

Die Liste der Lügen und Unwahrheiten reicht von gebrochenen Wahlversprechen der Kohl-Regierung 1990 (keine Steuererhöhung für die Einheit) und der SPD 2005 (keine Mehrwertsteuererhöhung) über den Spendenskandal, Guttenbergs Doktorarbeit, die Affäre Wulff, Merkels und Steinbrücks Billionen-Garantie für Sparer, Geheimsitzungen zur Euro-Rettung, Stuttgart 21 bis zur Vertrauensfrage von Gerhard Schröder 2001 aus Anlass der Abstimmung über den Anti-Terror-Einsatz. All diese Einzelteile ordnet der Autor zwar in Kapitel, aber im Ergebnis wird alles in einem dicken Brei verrührt.

Politik ist ein schwieriges, oft auch ein schmutziges Geschäft - man könnte auch sagen: Es geht hier so menschlich zu wie im richtigen Leben. Aber die Art und Weise, wie Lamby Politiker zu Sonderlingen, Tricksern und Betrügern degradiert, ist, vorsichtig formuliert, unbefriedigend. Er bleibt, gemessen an seinen früheren Filmen, diesmal hinter seinem eigenen Anspruch zurück. Das Deutschland der vergangenen 25 Jahre wird bei ihm in 45 Minuten zu einer Art politischem Gruselkabinett. Wenig Differenzierung, viel Verwirrung, wenig Politik, viel Polemik. Lamby unterschlägt zudem, dass die Funktionsfähigkeit eines politischen Systems gerade auch darin besteht, dass Affären, Lug und Trug aufgedeckt werden und Verantwortung übernommen wird. Es muss ja deshalb nicht jeder gleich in der Badewanne Selbstmord begehen.

Natürlich hat Lamby auch mit Politikern gesprochen. Nur leider fast nie mit denen, die er kritisiert. Brigitte Zypries (SPD) und Wolfgang Gerhardt (FDP) treten auf. Natürlich wird auch Heiner Geißler befragt, aber nicht etwa zu seiner Zeit als CDU-Generalsekretär, zu Spenden oder zu seinem berühmten Wort vom Blackout des Kanzlers Kohl, sondern lediglich in seiner heutigen Rolle als Guru der moralischen Politikbetrachtung. (Immerhin gelingt Lamby hier ein Highlight, als er Geißler den Satz entlockt, das Volk habe das Recht auf Wahrheit, aber nicht jeder Journalist). Der Alt-Grüne Hans-Christian Ströbele darf über lange Sequenzen den ach so furchtbaren Druck beklagen, dem Abgeordnete unter Gerhard Schröder unterlagen. Nach seinen eigenen Tricks, wie er gegen den Kriegseinsatz stimmen und trotzdem Teil einer Regierungskoalition bleiben konnte, wird er nicht gefragt. Und was das nun alles mit Lügen zu tun hat, versteht man hier längst nicht mehr.

Aber da ist ja zum Glück noch Sahra Wagenknecht. Noch nie war sie auch nur eine Minute in politischer Verantwortung, außer für sich selbst und ihre Partei. Aber in Stephan Lambys Film darf sie alle paar Minuten ihrem Bedauern über den Zerfall der politischen Sitten Ausdruck verleihen, einem Bedauern, das selbstverständlich von keinerlei parteipolitischem Interesse beeinflusst ist. Manchmal wirkt das so, als könne Wagenknecht ihr Glück selbst kaum fassen.

Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ARD, Montag, 22.45 Uhr.