ARD-Doku "Die wollen da rein - Der Kampf ums Kanzleramt":Drei von nebenan

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Versucht sich als Stehaufmännchen: CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet (l.) in einem Kiosk in Aachen.

(Foto: BR/NDR/Nicole Foltys)

In der ARD-Doku "Die wollen da rein" über die Kanzlerkandidaten und die Kanzlerkandidatin dominieren die leisen Töne.

Von Nils Minkmar

Als Gerhard Schröder seine politische Power noch nicht der Rettung der Currywurst widmete, stand er nächtens in Bonn vor dem Kanzleramt, rüttelte am Zaun und rief "Ich will da rein!". Mit dieser Anekdote wird der ausgeprägte Machtwillen des späteren Kanzlers illustriert, und sie lieferte die Inspiration für den Titel dieser Dokumentation von Ben Bolz und Philipp Grüll. Sogleich wird aber der immense Wandel in der politischen Kultur deutlich, der sich in den Jahren unter Angela Merkel ereignet hat: Die drei Personen, die sich um ihre Nachfolge bewerben, denken nicht daran, ihre Ambitionen so lautstark herauszustellen. Sie würden sich damit lächerlich machen. Sie betonen wohl, dass sie sich das Amt zutrauen, aber die Zeit, in der das Streben nach politischen Ämtern aus der persönlichen Geschichte heraus begründet werden konnte, scheint vorbei. In diesem Dreierporträt dominieren die leisen Töne.

Bei Armin Laschet geht es viel um Niederlagen, wo doch klassische Profipolitiker gerne damit angeben, dass sie zum Klassensprecher gewählt wurden oder den ersten Platz im Dosenwurf auf der Kirmes geholt haben. Mehrmals musste Laschet Niederlagen hinnehmen, landete Flops und verlor im Wettbewerb um den Vorsitz des Landesverbands volle Kanne gegen Norbert Röttgen. Daraus spinnt er aber noch nicht mal die Erzählung vom Stehaufmännchen, er verbucht es weise unter Lektionen, die ihm das Leben schrieb.

Mancher mag das Fehlen von Charisma bedauern - die drei sind keine Obamas

Der Film kommt auch in der Biografie von Olaf Scholz auf kritische Punkte zu sprechen, auf die Agenda 2010 und den G-20-Gipfel in Hamburg, bei dem es zu schlimmen Gewalttaten kam. Anders als Laschet, der in alle Richtungen beweglich wirkt und vor allem mit seinen Gesichtsmuskeln kommuniziert, äußert sich Scholz in maximal reduzierten Sätzen, als habe er jede Äußerung tagelang redigiert und verdichtet, bis ein Wesenskern übrig bleibt, auf dem nun das Publikum herumkauen darf.

Die Geschichte von Annalena Baerbock ist naturgemäß kürzer, ihr Aufstieg und ihre momentane Schwäche sind gut im Gedächtnis, aber auch bei ihr sind die Fehler, die ihr im Wahlkampf unterlaufen sind, ein zentrales Thema.

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Annalena Baerbocks Geschichte ist kürzer in der Doku, ihre Fehler sind allerdings ein zentrales Thema.

(Foto: BR/NDR/Ralph Zipperlen)

So entsteht das Porträt eines Trios, in dem alle schon einiges mitgemacht haben im eigenen Lager, alle etwas zu bereuen haben und niemand sicher sein kann zu gewinnen. Das Besondere liegt aber auch darin, dass die drei Kandidaten Politik ohne Dämonisierung und ohne Angstkampagne machen, sondern die Reflexion schätzen und die Zwischentöne pflegen. Solch eine Auswahl zwischen drei Menschen, die man, ganz unabhängig von der politischen Einstellung, gerne als Nachbar hätte, ist selten und ein Segen. Mancher mag das Fehlen von Charisma bedauern, und man könnte ihm nicht widersprechen - viel mehr als im Film gezeigt wird, möchte man gar nicht wissen über das Kandidatentrio. Da sind keine Obamas. Andererseits: Ein Land, dass keine Superpromis an der Spitze möchte oder braucht, hat es gut.

"Die wollen da rein - Der Kampf ums Kanzleramt", ARD-Mediathek.

© SZ/hy
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