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ARD-Doku "Die Adoption":Das Beste tut weh

ARD-Doku über Adoption

Nicht nur die erste Nacht ist schwer für Adoptivtochter Masho.

(Foto: SWR/Henrik Ipsen)

Kinder von lebenden Eltern zur Adoption freizugeben, ist umstritten. Die aufwühlende Doku "Die Adoption" hat genau so einen Fall von Äthiopien nach Dänemark begleitet - richtig glücklich ist am Ende keiner.

Von Kathrin Hollmer

"Es ist das Beste." Dieser Satz fällt oft. Es ist das Beste, dass Senkenesh und Hussen aus Äthiopien, Eltern von fünf Kindern und beide HIV-positiv, ihre beiden jüngsten zur Adoption freigeben. Das Beste, weil die leiblichen Eltern nicht wissen, wie lange sie noch leben. Weil die vierjährige Masho und ihr kleiner Bruder Roba es gut haben werden in Europa. Und es ist das Beste für Gert und Henriette, ein Ehepaar aus Dänemark, das sich schon lange Kinder wünscht.

Fast vier Jahre lang hat die dänische Filmemacherin Katrine W. Kjaer die beiden Familien in Europa und Afrika für ihre Dokumentation Die Adoption begleitet. Sie ist dabei, wenn Gert und Henriette den entscheidenden Anruf von der Adoptionsagentur bekommen. Wenn sie ihre Adoptivkinder zum ersten Mal sehen und sich danach im Taxi in die Arme fallen vor Glück, weil sie so lange auf diesen Tag gewartet haben. Und sie ist auch dabei, wenn Senkenesh, die leibliche Mutter, sich verstohlen Tränen aus den Augen wischt, jedes Mal, wenn sie zu rechtfertigen versucht, dass sie ihre Kinder weggibt.

Katrine W. Kjaers Film ist gefühlvoll und sehr nah erzählt, fängt intime Momente ein, ohne voyeuristisch zu sein, und beschönigt nichts. Nicht Henriette, die bald überfordert ist mit Masho, die anders als der kleine Bruder die neue Familie nicht akzeptiert, die wütend ist auf ihre biologischen Eltern und trotzdem lieber bei ihnen wäre.

Vier Jahre keine Nachricht

Das Machtverhältnis spürt man in jeder Minute: Gert und Henriette sind diejenigen, die entscheiden, auch darüber, wie sich die leiblichen Eltern von ihren Kindern verabschieden dürfen. Senkenesh und Hussen dagegen war nicht klar, dass die Adoption eine endgültige Trennung von ihren Kindern bedeutet: Regelmäßige Nachrichten ihrer Kinder hatte ihnen die Agentur zugesichert, doch dann hören sie vier Jahre lang nichts von ihnen.

Äthiopien hat weltweit eine der höchsten Adoptionsraten. Viele Kinder, die zur Adoption freigegeben werden, sind keine Waisen. Ihre Eltern haben nur kein Geld, sie großzuziehen, und eigentlich auch nicht, um selbst zu überleben. Dass Kinder lebender Eltern für Auslandsadoptionen freigegeben werden, ist umstritten - und ein Geschäft. Im Film will die Agentur die Adoptiveltern nicht nach finanzieller Unterstützung für Senkenesh und Hussen fragen, aus Sorge, dass man ihnen Kinderhandel vorwerfen könnte. Geheuer ist einem die Agentur dennoch nicht.

Dieses Gefühl bestätigt eine Information am Ende des Films: Nach der Ausstrahlung des Films in Dänemark sei das dänische Adoptionssystem geändert worden: Statt zwei privater Agenturen gebe es nur noch eine staatliche.

"Eine Niete gezogen"

Die Adoption ist aufwühlend und streckenweise auch anstrengend anzusehen: Wenn Masho schreit, oder wenn die neue Mutter überfordert ist mit ihrer Situation und sagt, dass sie mit ihrer Adoptivtochter "eine Niete gezogen" habe. Es ist ein Drama, das sich über zwei Kontinente spannt, eindringlich und kritisch, aber ohne sich auf eine der beiden Seiten zu schlagen. Genau das macht den Film so stark.

"Eure Kinder werden euch vergessen. Ihr werdet an sie denken, aber eure Kinder nicht an euch", sagen die Leute von der Adoptionsagentur zu Beginn des Films zu Senkenesh und Hussen. Noch bitterer ist am Ende nur, dass das nicht stimmt.

Die Adoption, ARD, 22.45 Uhr.

© SZ vom 07.07.2015/jobr
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