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ARD-Doku:Am Rande ihrer Kräfte

Auf der Corona-Intensivstation der Charité; Charité Doku ARD

Die Doku "Kampf um jeden Atemzug" begleitet Ärztinnen und Ärzte der Berliner Charité - und beobachtet respektvoll aus der Distanz.

(Foto: rbb/Carl Gierstorfer/DOCDAYS Pro)

Eine ARD-Doku schildert den Alltag auf einer Covid-Station der Berliner Charité - und ist ein Jahr nach Pandemiebeginn ein wichtiger Appell.

Von Sabina Zollner

"Patient kommt!", ruft eine der Ärztinnen im Operationssaal. Drei Sanitäter und eine Notärztin bringen eine Person auf einer Trage herein. Ihr Körper ringt nach Luft, ein unerträgliches Geräusch. Die Patientin wird von mehreren Personen auf den OP-Tisch gehievt. "Einmal leise, bitte, weitermachen und zuhören", sagt ein Arzt. Die Ärztin Margarethe Przewoznik informiert über den Zustand der Patientin: "67-Jährige, seit heute früh Luftnot und Schmerzen im Bein. Wir reanimieren seit 08.28 Uhr." Ein Piepen der Maschine ist zu hören. Der Körper hebt und senkt sich, ein Schlauch wird in die Lunge geführt, man sieht Blut, die Patientin wird an eine Maschine angeschlossen. Diese muss jetzt das Atmen übernehmen.

Bilder wie diese geben in der Dokumentation "Kampf um jeden Atemzug - Auf der Covid-Intensivstation der Charité" Einblick, was in den Krankenhäusern im vergangenen Jahr zum Alltag wurde. Seit Weihnachten hat Regisseur Carl Gierstorfer die Station 43 der Berliner Charité begleitet, wo seit Beginn der Pandemie Patientinnen mit schweren Covid-19-Krankheitsverläufen behandelt werden. Es sind Menschen mit und ohne Vorerkrankungen, jung und alt.

"Mama, wir vermissen dich. Bleib weiterhin so stark."

"Kampf um jeden Atemzug" dramatisiert nicht, sondern beobachtet aus einer respektvollen Distanz. Die Kamera wechselt dabei von einem Patientenzimmer ins nächste, Menschen mit Masken laufen durch die Gänge, überall sind Schläuche und Maschinen. Alles erscheint in kühlem weiß-blauen Licht, während es draußen schneit.

Man erlebt Momente der Frustration, der Hoffnung, aber auch der Intimität: Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Interviews ohne Maske und Haarhaube zu sehen sind, lernt man plötzlich diejenigen kennen, die sich seit einem Jahr aufopfern und am Rande ihrer Kräfte sind. "Die Pandemie war die schlimmste Zeit meines Arbeitslebens. Ich habe so viele junge Menschen auf dramatische Weise sterben sehen", sagt eine der Pflegerinnen, die seit sieben Jahren auf der Station arbeitet. In einer anderen Szene sieht man eine Ärztin, die gerade einer Angehörigen mitteilen muss, dass ihr Mann nur noch einige Stunden zu leben hat. "Wollen Sie kommen?", fragt sie. Man sieht frustrierte Ärztinnen und Ärzte, wenn wieder jemand nicht zu retten war. Es gibt Bilder von Patienten, die auf ihrem Bauch liegen und bewusstlos von einer Herz-Lungen-Maschine am Leben gehalten werden. Ein leeres Patientenzimmer, wo kein Piepen, sondern nur ein Rauschen der Maschine zu vernehmen ist.

Doch es gibt auch hoffnungsvolle Momente in diesem Film. Etwa wenn eine Patientin nach einer Woche aus dem Koma erwacht und wieder mit ihrer Familie sprechen kann. Eine Psychologin hält ihr das Telefon hin. Man hört ihre Tochter sagen: "Mama, wir vermissen dich. Bleib weiterhin so stark."

Die Dokumentation ist ein wichtiger Appell. Ein Appell, dass wir in Zeiten der Pandemiemüdigkeit nicht das Wichtigste aus den Augen verlieren sollten - den Wert eines Menschenlebens.

"Kampf um jeden Atemzug - Auf der Covid-Intensivstation der Charité", Montag, 15.3., 22.50 Uhr, ARD

© SZ/cag
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