ARD-Doku:All die anderen

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ARD-Doku: Fritz Julius Kuhn, glühender Hitler-Verehrer und einstiger Leiter des "Amerikadeutschen Bunds", im April 1946 im Gespräch mit amerikanischen Kriegsberichterstattern und Soldaten nach seiner Freilassung aus der Festung Hohenasperg.

Fritz Julius Kuhn, glühender Hitler-Verehrer und einstiger Leiter des "Amerikadeutschen Bunds", im April 1946 im Gespräch mit amerikanischen Kriegsberichterstattern und Soldaten nach seiner Freilassung aus der Festung Hohenasperg.

(Foto: AP/AP)

Die Doku "The American Führer" erinnert klug und hintergründig an den deutsch-amerikanischen Nazi-Faschismus.

Von Harald Hordych

Der ältere Herr hat gerade das Horst-Wessel-Lied vorgespielt bekommen, und nun beginnt er mit kindlich-fröhlicher Heiterkeit den Rhythmus dieses unsäglichen NSDAP-Gassenhauers vor sich hin zu summen. Und als ob das nicht schon unangenehm genug wäre, hebt er nun auch noch mit zunehmend beglücktem Gesicht beide Hände nach oben und lässt sie im Takt mitschwingen - nach dem Motto: Ist das nicht ein schönes Lied?

Sachlichkeit und profunde Hintergrundinformation sind die Leitwährungen in der ausgezeichneten ARD-Dokumentation The American Führer von Annette Baumeister. Aber dieser Moment ist in all seiner Doku-Schlichtheit von einer so bizarren Entrücktheit mit hohem Fremdschämfaktor, dass man versucht ist, den Fernseher auszuschalten, und sich für den Rest des Tages nicht mehr mit verschrobenen Nazi-Sympathisanten zu belasten.

Aber zum Glück läuft der Film weiter. Und dann versteht man sofort, dass sich da kein Nazi-Anhänger in der Erinnerung an bessere Zeiten verliert. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Es handelt sich um den Sohn von John C. Metcalfe, der sich als Undercover-Journalist in die Nazi-Szene der USA in den Dreißigerjahren einschlich und den kleinen Howard zu Veranstaltungen mitnahm, wo enthusiastisch das Horst-Wessel-Lied gesungen wurde: "Die Fahnen hoch, die Reihen fest geschlossen." Den Text kenne ich nicht, sagt Howard H. Metcalfe. Er kannte nur die schöne Melodie.

Nur ein kurzer Moment in einer Doku, die knapp 45 Minuten lang ist, aber einer, in dem sich die ganze Ambivalenz einer amerikanischen historischen Episode exemplarisch widerspiegelt. Wie komplex, wie unsäglich auch, sich die deutsche Kultur nach dem ersten Weltkrieg in Amerika entwickelt hatte, auf welche ideologischen Abwege viele der deutschen Einwanderer geraten waren, und wie wenig man bis heute davon weiß: Das ist das Aufregende an dieser Dokumentation - sie ermöglicht einen Blick in faschistische Abgründe, deren Dimensionen vielfach unbekannt sind.

Fritz Julius Kuhn war ein diplomierter Chemiker aus München mit charismatischer Ausstrahlung

Wovon der ältere Herr nämlich tatsächlich erstmals vor der Kamera erzählt, sind die mutigen Bemühungen seines Vaters, der arglosen US-Öffentlichkeit, aber auch der zunächst ahnungslosen gesamten politischen Elite die Gefahr vor Augen zu führen, die von Bewegungen wie dem "Amerikadeutschen Bund" ausging: Im Zentrum seiner Recherchen stand Fritz Julius Kuhn, ein in den Zwanzigern eingewanderter diplomierter Chemiker aus München mit charismatischer Ausstrahlung und einem Talent, rücksichtslos seinen Vorteil auch mit kriminellen Machenschaften zu suchen. Kuhn will der amerikanische Führer sein - wie bitte? Und was hat Mr. Hitler dazu gesagt? Und Mr. Roosevelt?

Die Doku montiert geschickt Original-Filmausschnitte, Historiker-Einordnung und Metcalfes Erzählungen zu einer kurzweiligen wie erhellenden Lehrstunde über vergessenen, kaum wahrgenommenen deutsch-amerikanischen Faschismus. Aber sie schafft es, weitaus mehr als interessante Infos und Geschichten zu liefern, von denen man bis dato als Nicht-Fachmann nichts wusste: Durch reichliche, aber immer pointierte, nie ausschweifend eingestreute Statements von Historikern wie Cornelia Wilhelm von der LMU München oder dem amerikanischen Faschismus-Spezialisten Bradley W. Hart ermöglicht sie durchgehend eine horizonterweiternde Einordnung, um verstehen zu können, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass 1934 offiziell der "Gau Amerika" gegründet wurde. Dass sich so viele NSDAP-Anhänger bei Aufmärschen im Stechschritt beispielsweise durch New York hinter Fahnen mit dem Hakenkreuz versammelten, die neben der US-Flagge getragen wurden. Dass Kuhn 1939 vor 20 000 Anhängern im Madison Square Garden den Sturz von Präsident "Rosenfeld" fordern konnte.

Zwei politisch motivierte Einwanderungsbewegungen aus Deutschland prägten die USA im frühen 20. Jahrhundert. Vor dem Ersten Weltkrieg kamen diejenigen, die sich aus den Zwängen des wilhelminischen Obrigkeitsstaats befreien wollten. Sie entschieden sich für das demokratische Amerika und wollten amerikanische Patrioten werden.

ARD-Doku: Als sei nichts gewesen: Fritz Julius Kuhn im Jahr 1946 mit seiner Familie in München.

Als sei nichts gewesen: Fritz Julius Kuhn im Jahr 1946 mit seiner Familie in München.

(Foto: Robert Clover/AP)

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges aber kamen diejenigen, die von der Demokratie der Weimarer Republik abgestoßen waren. Sie wollten in Amerika das wahre Deutschland bewahren. Unter diesen Deutschen, die deutsch bleiben wollten, ist auch Fritz Julius Kuhn, der mit seiner Frau und zwei Kindern erst nach Detroit, dann nach New York geht und dort in seinen an Adolf Hitlers rhetorischer Theatralik geschulten Auftritten zum Führer des mächtigen "Amerikadeutschen Bund" wird. Zunächst sträflich unterschätzt, aber bald von der Boulevardpresse als charismatische Figur gefeiert. Kuhn zeigt sich glamourös und auflagenträchtig mit einer angeblichen ehemaligen Miss Amerika.

Der Film zeigt, wie geschickt faschistische Gruppierungen menschliche Bedürfnisse für ihre Zwecke nutzen

Die Doku ist vieles zugleich, was sie aber nicht beliebig macht, sondern interessanter: Der Aufstieg Kuhns ist die Charakterstudie eines Populisten und Demagogen, der niedrige Instinkte für seinen Vorteil nutzt, als Student bestiehlt Kuhn in München seine Kommilitonen, kommt ins Gefängnis, der Vater bringt ihn bei einem jüdischen Textilfabrikanten unter, den er ebenfalls bestiehlt. Als alles rauskommt, lässt sich der Unternehmer von Kuhns Vater erweichen, von einer Anzeige abzusehen, und gibt ihm stattdessen sogar Geld für einen Neuanfang. Eine so menschliche Geste hält einen wie Kuhn aber nicht davon ab, zum Antisemiten zu werden.

Der Film zeigt dann, wie geschickt faschistische Gruppierungen menschliche Bedürfnisse nach Gemeinschaft und Naturerlebnissen für ihre Zwecke nutzen: Feriencamps erzeugen ein Gruppengefühl, das dann mit hetzerischer Propaganda und dem Führerprinzip ideologisch aufgeladen wird. Die Kenntnis davon, wie Kuhn das alles organisierte, wie gewalttätig und amerikafeindlich seine Ziele waren, verdanken die Historiker, die zu Wort kommen, vor allem John C. Metcalfe, der es bis zum persönlichen Assistenten Kuhns bringt.

Das ist die zweite Hauptfigur dieses Films, der auch die Geschichte eines investigativen Journalisten erzählt, der im Alter von zehn Jahren von Deutschland nach Amerika kam. Unter seinem ursprünglichen deutschen Namen Oberwinder infiltrierte er die Szene und löste mit einem einzigen Artikel schließlich den Anfang vom Ende Kuhns aus. Das alles ist von beeindruckender historischer Wucht, die nie erdrückt, sondern aufklärt. Ein kleiner Glücksfall, wie ja auch die Enttarnung, Inhaftierung und Abschiebung nach Deutschland des Demagogen Fritz Kuhn, der kleinen amerikanischen Hitler-Kopie, ein Glücksfall war, der auf einen Journalisten zurückgeht.

The American Führer, Das Erste, Montag, 22.50 Uhr.

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