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ARD: Ärger um Quandt-Doku:"Bürger schlimmster Sorte"

Diese drei Jahre sind jetzt vorbei, und in der jüngsten Ausgabe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ) ist ein Artikel erschienen, der die TV-Doku als "fragwürdiges Paradigma" angreift. Die Welt hat in dem Text einen "Manipulationsverdacht" und ein "sehr trauriges Kapitel öffentlich-rechtlicher Fernsehgegenwart" entdeckt. Der VfZ-Autor Ralf Stremmel ist ein ausgewiesener Lokalhistoriker und hat sich unter anderem mit der Geschichte der Accumulatoren-Fabrik befasst, die 1923 in den Besitz von Günther Quandt überging, von 1962 an Varta hieß und bis zum Verkauf im Jahr 2000 eine beständige Quelle des Reichtums für die Familie Quandt war.

Warum sich Stremmel bei seinen grundsätzlichen Ausführungen zum Geschichtsfernsehen nicht weiter mit dem Nazi-Kitsch befasst hat, den weit erfolgreicher als Friedlers Dokumentation Guido Knopps Geschichtsabteilung (ZDF) verbreitet, bleibt sein Geheimnis. Ebenso rätselhaft ist, warum die Redaktion der Vierteljahrshefte das Manuskript angenommen hat. Dort wird zwar, wie es aus der Redaktion heißt, "jedes eingereichte Manuskript in anonymisierter Form von externen und internen Gutachtern geprüft", doch besonders gründlich kann diese Prüfung nicht verlaufen sein.

Der Aufsatz ist eine Blamage für das Münchner Institut für Zeitgeschichte, das die Vierteljahrshefte herausbringt. Ein Beispiel nur. Bei Friedler heißt es, Günther Quandt habe die Nähe zur Partei gesucht, zur NSDAP. Stremmel wirft dem Film vor, er lege keine Beweise dafür vor und setzte statt dessen auf "emotionale Personalisierung". Die Tagebücher von Joseph Goebbels, "zentrale Quelle für die Vorgänge", stünden den Behauptungen des Films "diametral entgegen". Das ist nicht wahr. Der NSDAP-Agitator Goebbels lernt 1930 Magda, geborene Behrend, die geschiedene Frau Günther Quandts, kennen und heiratet sie 1931. Die Frau bringt Harald Quandt in die Ehe, der laut Scheidungsvertrag im Fall einer Wiederverheiratung beim Vater aufwachsen soll.

Dass Goebbels seinen Vorgänger als "typischen Kapitalisten", als "Bürger schlimmster Sorte" bezeichnet, hindert ihn noch lange nicht, Geld von ihm entgegenzunehmen. Quandt gibt für die "Bewegung" 2000 Reichsmark erst, dann 25000. Noch weniger stören ihn die Komplimente, die der ausgestochene Konkurrent macht. "Er lobt sehr mein Buch K. u. B. (Kampf um Berlin, d.R.), das er gerade liest." Mit "Brechreiz" reagiert Goebbels, als Quandt beim "Chef" erscheint, um Eindruck zu schinden. "Chef ist darauf hereingefallen." Der "Chef" ist Adolf Hitler, den Goebbels eifersüchtig bewacht. Nach dem Krieg behauptete Quandt, Goebbels habe seinen Eintritt in die Partei erpresst, weil er sonst Harald nicht mehr erziehen dürfe, "denn er ist auch der Sohn der Frau des Ministers".

Auch das ist nicht wahr. Nach der Machtergreifung 1933 notiert Goebbels: Quandt fließt "über vor Devotion. Das macht der Sieg." Unter dem 29. April heißt es: "Dr. Quandt empfangen. Er ist ganz klein. Will in die Partei." Tatsächlich wird Günther Quandt zwei Tage später in die Partei aufgenommen, obwohl bereits eine generelle Aufnahmesperre verhängt worden war, gültig von 1. Mai 1933 an. Das wäre die "Kontextualisierung", wie sie Stremmel fordert und beim Dokumentarfilmer Friedler vermisst. Allerdings fehlt sie beim Historiker Stremmel erst recht. Er beruft sich zwar auf Goebbels' Tagebuch, zitiert ihn aber nach der unvollständigen Ausgabe, die das Institut für Zeitgeschichte 1987 herausgebracht hat.

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