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ARD: Ärger um Quandt-Doku:Seltsamer Revisionismus

Ein Historiker kritisiert eine ARD-Dokumentation über die Verstrickung der Familie Quandt mit den Machthabern des Dritten Reiches. Doch seine Analyse des Films von 2007 ist mehr als zweifelhaft.

Willi Winkler

Wenn es Nacht wird in Deutschland, kommt nicht der Teufel, sondern der Hitler. 1945 starb er im Bunker von eigner Hand, wenig betrauert von seinem Volk, weshalb er umgehen muss bis zum Jüngsten Tag. Fast jeden Abend droht, schimpft, belfert, führt er, führt zum Krieg, bringt Unglück und Verheerung über Deutschland und die Welt, und geht nicht mehr weg. Im Fernsehen ist Hitler unsterblich, ein Quotenkönig, der im Zweifel jedes Schlagerfestival der Volksmusik übertrumpfen kann.

Das Schweigen der Quandts

Diskussion um den Film "Das Schweigen der Quandts" (auf dem Foto: Herbert Quandt) . Was ist wahr und was nicht?

(Foto: © NDR/privat)

Manchmal weint eine Sekretärin um Goebbels oder eine Köchin erinnert sich, dass der Führer Vegetarier war und auch sonst ein Mensch. Aufklärung über die Nazi-Jahre ist schon schwieriger, was damit zusammen hängen mag, dass es vielleicht doch ein paar mehr als zwölf braune Aliens waren, die da über das arme Deutschland herfielen. Aufklärung beispielsweise darüber, wie die Industriellen-Familie Quandt (BMW, Altana) im "Dritten Reich" mittat und von der Kriegswirtschaft profitiert hat, brachte die vielfach ausgezeichnete Dokumentation Das Schweigen der Quandts von Eric Friedler und Barbara Siebert, die 2007 erst in der ARD, dann beim NDR lief.

"Auf etwas Dunkles ist ein Licht geworfen worden", erklärte danach Susanne Klatten, die Tochter von Herbert Quandt und angeblich die reichste Frau Deutschlands, in der Financial Times. "Das ist immer besser, als wenn es im Dunkeln seine Kraft entwickelt." Dieses "es" ist die Beteiligung der zur Familie Quandt gehörigen Betriebe an der Rüstungsproduktion für den Zweiten Weltkrieg, die Beschäftigung von Zwangsarbeitern, der Gewinn, der sich mit deren Ausbeutung erzielen ließ. "Es gehört zu uns, und dann ist es besser, man kennt, was da war, als dass man es negiert."

Was da war, hat Rüdiger Jungbluth 2002 in seinem Buch über die Quandts berichtet. Dass Günther Quandt, Großvater von Susanne Klatten, mit der Nummer 2636406 NSDAP-Mitglied war und 1940 nicht ohne Grund "die unvergleichlichen Waffentaten unserer herrlichen Wehrmacht zu Lande, zu Wasser und in der Luft" feierte. Als Besitzer der Accumulatoren Fabrik Aktiengesellschaft (AFA) und weiterer Firmen profitierte er, wie es der Wirtschaftshistoriker Wilhelm Treue in einer Jubelschrift formulierte, von der Erholung der Konjunktur mitsamt der "allgemeinen Aufrüstung und der gewaltsamen Sicherung des ,Arbeitsfriedens'", die, und das muss auch der kreuzbrave Autor dieser im Varta-Verlag gedruckten, aber niemals veröffentlichten Werbeschrift zugeben, "durch Schaffung der 'Deutschen Arbeitsfront' und strengste Disziplinierung der Arbeiterschaft erfolgte".

Details zu dieser Disziplinierung liefert beispielsweise Günter Wackernagel, Häftling im KZ Neuengamme, ausgeliehen an das KZ Hannover Stöcken, das wiederum für Quandts AFA jenes Menschenmaterial lieferte, ohne das die kriegswichtige Produktion nicht funktioniert hätte: "Hier gerieten die Häftlinge infolge Fehlens von Sicherheitsvorkehrungen mit den Händen und Armen zwischen die Konterwalzen und es wurde - bei vollem Bewußtsein - das Fleisch zumeist bis zum Oberarm von den Knochen abgezogen."

Eric Friedlers ARD-Dokumentation stützt sich auf Jungbluths Forschungen und beklagt vor allem das anhaltende Schweigen der Familie Quandt, die von dieser Vergangenheit nichts wissen wollte. Stefan Quandt, Sprecher der Familie, erklärte bei der Verleihung des Herbert-Quandt-Medien-Preises, als "betroffene Familie" wolle man sich nicht damit abfinden, "dass ein einziger kritischer Beitrag für drei Jahre die öffentliche Meinungsbildung dominiert".

"Bürger schlimmster Sorte"

Diese drei Jahre sind jetzt vorbei, und in der jüngsten Ausgabe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ) ist ein Artikel erschienen, der die TV-Doku als "fragwürdiges Paradigma" angreift. Die Welt hat in dem Text einen "Manipulationsverdacht" und ein "sehr trauriges Kapitel öffentlich-rechtlicher Fernsehgegenwart" entdeckt. Der VfZ-Autor Ralf Stremmel ist ein ausgewiesener Lokalhistoriker und hat sich unter anderem mit der Geschichte der Accumulatoren-Fabrik befasst, die 1923 in den Besitz von Günther Quandt überging, von 1962 an Varta hieß und bis zum Verkauf im Jahr 2000 eine beständige Quelle des Reichtums für die Familie Quandt war.

Warum sich Stremmel bei seinen grundsätzlichen Ausführungen zum Geschichtsfernsehen nicht weiter mit dem Nazi-Kitsch befasst hat, den weit erfolgreicher als Friedlers Dokumentation Guido Knopps Geschichtsabteilung (ZDF) verbreitet, bleibt sein Geheimnis. Ebenso rätselhaft ist, warum die Redaktion der Vierteljahrshefte das Manuskript angenommen hat. Dort wird zwar, wie es aus der Redaktion heißt, "jedes eingereichte Manuskript in anonymisierter Form von externen und internen Gutachtern geprüft", doch besonders gründlich kann diese Prüfung nicht verlaufen sein.

Der Aufsatz ist eine Blamage für das Münchner Institut für Zeitgeschichte, das die Vierteljahrshefte herausbringt. Ein Beispiel nur. Bei Friedler heißt es, Günther Quandt habe die Nähe zur Partei gesucht, zur NSDAP. Stremmel wirft dem Film vor, er lege keine Beweise dafür vor und setzte statt dessen auf "emotionale Personalisierung". Die Tagebücher von Joseph Goebbels, "zentrale Quelle für die Vorgänge", stünden den Behauptungen des Films "diametral entgegen". Das ist nicht wahr. Der NSDAP-Agitator Goebbels lernt 1930 Magda, geborene Behrend, die geschiedene Frau Günther Quandts, kennen und heiratet sie 1931. Die Frau bringt Harald Quandt in die Ehe, der laut Scheidungsvertrag im Fall einer Wiederverheiratung beim Vater aufwachsen soll.

Dass Goebbels seinen Vorgänger als "typischen Kapitalisten", als "Bürger schlimmster Sorte" bezeichnet, hindert ihn noch lange nicht, Geld von ihm entgegenzunehmen. Quandt gibt für die "Bewegung" 2000 Reichsmark erst, dann 25000. Noch weniger stören ihn die Komplimente, die der ausgestochene Konkurrent macht. "Er lobt sehr mein Buch K. u. B. (Kampf um Berlin, d.R.), das er gerade liest." Mit "Brechreiz" reagiert Goebbels, als Quandt beim "Chef" erscheint, um Eindruck zu schinden. "Chef ist darauf hereingefallen." Der "Chef" ist Adolf Hitler, den Goebbels eifersüchtig bewacht. Nach dem Krieg behauptete Quandt, Goebbels habe seinen Eintritt in die Partei erpresst, weil er sonst Harald nicht mehr erziehen dürfe, "denn er ist auch der Sohn der Frau des Ministers".

Auch das ist nicht wahr. Nach der Machtergreifung 1933 notiert Goebbels: Quandt fließt "über vor Devotion. Das macht der Sieg." Unter dem 29. April heißt es: "Dr. Quandt empfangen. Er ist ganz klein. Will in die Partei." Tatsächlich wird Günther Quandt zwei Tage später in die Partei aufgenommen, obwohl bereits eine generelle Aufnahmesperre verhängt worden war, gültig von 1. Mai 1933 an. Das wäre die "Kontextualisierung", wie sie Stremmel fordert und beim Dokumentarfilmer Friedler vermisst. Allerdings fehlt sie beim Historiker Stremmel erst recht. Er beruft sich zwar auf Goebbels' Tagebuch, zitiert ihn aber nach der unvollständigen Ausgabe, die das Institut für Zeitgeschichte 1987 herausgebracht hat.

"Die Familie Quandt braucht keinen Historiker. "

Offenbar hat Stremmel keiner gesagt, dass das Institut diese Ausgabe, die voller Fehllesungen war, längst zurückgezogen und durch eine neue Edition ersetzt hat, für die erstmals das im russischen Staatsarchiv lagernde Material verwendet werden konnte. Die Bände mit den Aufzeichnungen aus den Jahren 1931 bis 1933 sind 2004 beziehungsweise 2006 erschienen und stehen im Lesesaal jeder größeren Bibliothek. Schicksal aller großen Editionen ist es, dass sie niemand liest, noch peinlicher wird es, wenn durch diesen Aufsatz offenbar wird, dass man nicht einmal in dem Institut, das fast dreißig Jahre mit der Edition der Goebbels-Tagebücher beschäftigt war, diese steuerfinanzierte Ausgabe kennt.

Aber gut, Stremmel hat ein Anliegen. Empört zitiert er den ehemaligen KZ-Häftling Soerensen, der im Quandt-Film sagt: "Die Familie Quandt braucht keinen Historiker. Sie brauchen bloß mich." Doch erklärt Soerensen damit keineswegs das "historisch-wissenschaftliche Arbeiten ohne Umschweife für überflüssig" (Stremmel), sondern verweist auf das Leid, das ihm angetan wurde und um das sich nie jemand in der Familie Quandt geschert hat.

Vor lauter Fußnoten übergeht Stremmel das Offensichtliche: dass der heutige Reichtum der Familie Quandt auch dem NS-Programm der Vernichtung durch Arbeit zu verdanken ist. So schreibt sich Stremmel immer weiter in einen seltsamen Revisionismus hinein. In der Redaktion des Instituts für Zeitgeschichte hat sich auch niemand an der kühnen Formulierung gestört, mit der Stremmel seine Leser verabschiedet. "Wir moralisieren uns zu Tode" lautet sein Verdikt über Dokumentationen wie das Schweigen der Quandts. Kann schon sein, dass bei Friedler moralisiert wird, aber gleich zu Tode?

1988 wandte sich der Hamburger Literaturwissenschaftler und Mäzen Jan Philipp Reemtsma an mehrere Dutzend Firmen und bat sie um Unterstützung für den Unterhalt einer Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme. Die Firma Varta schickte 5000 Mark und bat um eine Spendenquittung. "Was Schuld hieß", so wurde Reemtsma im Spiegel zitiert, "hat man wertberichtigt, und keiner rechnet mehr damit, zur Rechenschaft gezogen zu werden." Für den Rest gibt es Historiker wie Ralf Stremmel.

© SZ vom 30.10.2010/berr

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