TechnologieNimm das Auge aus dem Ohr

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Matthias Hauer/IMAGO/GEPA pictures

Die neuen Apple-Kopfhörer sollen angeblich eine eingebaute Kamera haben. Das muss wirklich nicht sein.

Von Thore Rausch

SZ bei Google bevorzugen

Die nächste Generation der Apple-Kopfhörer soll, wenn man einem Leak und Berichten von Bloomberg glauben darf, eine Kamera bekommen. Das möchte man wohlwollend als Missverständnis bezeichnen. Denn gewünscht hatte sich das, soweit bekannt, niemand.

Zunächst zu den praktischen Fragen. Die Kamera versteckt sich seitlich im Kopfhörer, soll die Umgebung erfassen, um sie sich von der KI-Assistentin Siri erklären zu lassen. Im Demonstrationsvideo, das Apple offenbar versehentlich in einer Mac-OS-Version veröffentlicht hat, hält ein Mann ein Buch vor sein Gesicht und bittet seine Ohrkamera, sich den Titel „für später zu merken“. Apple nennt das „Visual Intelligence“. Ein klassisches Foto soll man mit dem Kopfhörer zunächst nicht machen können. Wozu eine solche Kamera tatsächlich benutzt werden könnte, sollte sie eines Tages auf den Markt kommen, deutet der meistgelikte Kommentar unter dem Produktvideo auf X an: „Hey Siri, nimm bitte den Hintern der Kellnerin auf.“

Für den Apple-Kopfhörer wäre dies der vorläufige Tiefpunkt einer Kulturgeschichte, die ausgesprochen gut begonnen hatte. Das iPhone ist immerhin ein plausibler Kandidat für die Erfindung des Jahrhunderts, und der weiße Kabelkopfhörer hängt knapp dahinter: genau genommen 84 Zentimeter entfernt, abzüglich eines Zentimeters Klinkenstecker.

In den Großstädten ist das Kabel längst zurückgekehrt

Der 2001 erschienene Kopfhörer ist bis heute ein nahezu formvollendetes Produkt. Er kostet 19 Euro (wenig), läuft ganz ohne Batterie (praktisch) und lässt sich mit der Person neben sich teilen, wenn man ein bisschen zusammenrutscht (romantisch).

2016 entfernte Apple beim iPhone 7 den Kopfhöreranschluss und erklärte die Zukunft für kabellos. Wer weiterhin ein Kabel benutzen wollte, musste die Ladebuchse belegen oder sich einen Adapter kaufen. Seitdem sieht sich der stilsichere, verkabelte Musikhörer mit dem Dilemma konfrontiert, dass er in Stille von seinen eigenen Gedanken belästigt wird, während er sein iPhone aufladen muss.

In den Großstädten ist das Kabel längst zurückgekehrt, wie so vieles aus den Nullerjahren, das man voreilig für erledigt hielt, und ergänzt jedes Outfit um eine lässig baumelnde weiße Linie, zu sehen auf der Pariser Fashion Week, in der New Yorker U-Bahn oder auf Schnappschüssen von Harry Styles in Berlin.

Ikonische Silhouette: Der originale Kabelkopfhörer am ersten iPod.
Ikonische Silhouette: Der originale Kabelkopfhörer am ersten iPod.
Apple inc.

Ein weiterer Vorteil: So ein Kabel ist nicht zu übersehen. So signalisiert man seiner Umgebung, dass man telefoniert und kein Selbstgespräch führt. Und bald womöglich auch, dass die eigenen Ohren keine Augen haben. Meta hat mit seinen Smart Glasses bereits vorgeführt, wie man in Alltagsgegenständen unauffällig Kameras verstecken kann. Datenschützer versuchen aktuell, die Modelle in Deutschland zu verbieten.

Beide Konzerne arbeiten damit an einer merkwürdigen Umgestaltung des öffentlichen Raums, bei der nie ganz klar ist, ob man gerade angesehen, aufgenommen oder von einer künstlichen Intelligenz für später vorgemerkt wird. Eine Ohrkamera ist eine derart schlechte Idee, dass man beinahe vermuten könnte, im Silicon Valley stünde nicht ausschließlich das Wohl der Verbraucher ... Aber lassen wir das.

Die „Simpsons“, deren Prognosen man ernst nehmen sollte, zeigten bereits 2007, wie sich iPhones zusammenschließen, die Menschheit unterwerfen, sie mit Kopfhörerkabeln auspeitschen. Bis dahin dürfte es noch etwas dauern. Womöglich nur nicht mehr ganz so lange.

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