Anschlag in Christchurch Dieser Mann wollte, dass man ihm beim Morden zusieht

Kerzen zum Gedenken an die Opfer: Es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit sachlich über die Tat informiert ist.

(Foto: AFP)

Die Bilder, die nach dem Anschlag in Christchurch um die Welt gingen, gehörten zum Kalkül des Täters. Journalisten dürfen sich nicht zum Werkzeug machen lassen - über die Tat informieren müssen sie trotzdem.

Kommentar von Ronen Steinke

Nach allem, was man über den rassistischen Mörder weiß, der im neuseeländischen Christchurch auf die Besucher zweier Moscheen schoss, war es ihm eher weniger wichtig, wie viele Menschen genau er töten würde. Wichtiger war ihm, wie viele Menschen das sehen würden. Der Täter hat ein regelrechtes Konvolut an Videos und Texten hinterlassen, ein Paket zum Teilen, Zitieren, Sampeln. Es wäre interessant zu erfahren, ob unter den sehr vielen Menschen, die darauf angesprungen sind und seine live gestreamten Tatvideos oder auch sein "Manifest" im Netz weiterverbreitet haben, viele waren, die dies nur aus Ablehnung getan haben, sozusagen in anprangernder Absicht. Vielleicht waren das sogar die meisten. Dem Täter dürfte es einerlei sein. Er freut sich so oder so.

Wen als Journalist nicht mindestens ein Unbehagen beschleicht in so einem Moment, der hat seinen Beruf verfehlt. Hier werden Bilder vervielfältigt, die aus Sicht des Mörders der eigentliche Erfolg seiner Tat sind und die Bestandteil seines Kalküls waren. Auch aufgrund seiner Annahme zur Funktionsweise der Medien (klassische ebenso wie "soziale" à la Twitter) war er zu dieser Art von Tat motiviert. Er hat nach Medienaufmerksamkeit gegiert, und er hat sie bekommen.

Terrorismus "Ich versuchte, ihn mit dem Gewehr zu stoppen"
Anschlag in Christchurch

"Ich versuchte, ihn mit dem Gewehr zu stoppen"

50 Menschen sind bei den Attacken in Christchurch gestorben. Nun berichten Überlebende von den schlimmsten Momenten ihres Lebens.   Von Felix Haselsteiner

Unter Journalisten gibt es deshalb immer wieder die Überlegung, dieses Spiel einfach zu durchbrechen, das nicht nur der Täter in Christchurch, sondern auch viele Dschihadisten treiben. Ein Autor der Zeit zum Beispiel, Bastian Berbner, hat das vor einer Weile in Form einer Hoffnung auf den Punkt gebracht: "Stellen wir uns vor, nur einen Moment lang: Keine Eilmeldungen mehr auf das Handy, keine Nachricht in der 'Tagesschau', kein 'Brennpunkt' danach, keine Politiker, die untergehakt für Fotografen posieren und Statements des Bedauerns abgeben, und wenn doch, wäre da kein Mikrofon mehr, in das sie hineinsprechen könnten." Die Idee: Man solle Terroristen mit Missachtung strafen, ihnen keine Bühne bereiten.

Der Gedanke hat, zugegeben, selten so dermaßen nahegelegen wie jetzt nach dem Livestream-Terror in Neuseeland, einer Inszenierung, die sogar so weit reichte, dass der Täter sich im Auto noch für ein Selfie in Pose warf. Und dennoch, so einen einfachen Ausweg aus der journalistischen Zwickmühle - die Propaganda der Tat zeigen oder nicht? - gibt es nicht.

Erstens ist es eine Sache des Respekts vor den Opfern, genau hinzusehen. Nicht auf die actionfilmhafte Inszenierung natürlich, nicht auf die perverse Ästhetik etwa des Tatvideos, das nun die Bild-Zeitung aufgegriffen und reproduziert hat. Der Sog der Egoshooter-Perspektive ist hoch, die Erniedrigung der Opfer jetzt millionenfach, wo bleibt der Erkenntniswert dieser Bilder, der dies rechtfertigen könnte?

Medien sollten Tat und Täter sachlich beleuchten, damit die Öffentlichkeit informiert ist

Sehr genau hinsehen müssen Medien hingegen auf das, was der Täter inhaltlich von sich gibt, das Ideologische: Es macht politisch einen Unterschied, ob die Opfer von der Hand eines völlig Isolierten gestorben sind, der im Wahn handelte. Oder ob sie - wie das Christchurch-"Manifest" leider offenbart - zum Ziel eines Hasses geworden sind, dessen geistige Brandstifter es auch hierzulande gibt.

Zweitens sollten Medien auch die Person des Attentäters genau beleuchten, weil die Gesellschaft daran interessiert sein muss, das zu tun, was den Sicherheitsbehörden im Fall Christchurch offenbar misslungen ist: aufmerksam auf frühe Warnsignale achten. Was vor der Tat psychologisch in einem Täter vorgegangen ist - Radikalisierung, wenn man es so nennen will -, ist ein Thema nicht nur für Polizisten, die künftige Taten verhindern sollen. Sondern auch für Lehrerinnen, Arbeitskollegen, Eltern, die solche Signale sehen. Wenn Journalisten sich entscheiden würden, die breite Öffentlichkeit hier von Lernprozessen auszuschließen, wäre das nicht nur arrogant, sondern schädlich.

Schließlich, drittens, gibt es nach jedem Anschlag Fragen, denen sich die Sicherheitsbehörden stellen müssen. Auch dafür braucht die Öffentlichkeit Informationen. Hier sind es Fragen wie diese: Wie kann es sein, dass ein offenbar sehr mitteilsamer Rechtsextremist aus Australien nach Neuseeland einreisen und dort in kurzer Zeit ein Arsenal von Kriegswaffen anhäufen kann, ohne dass irgendwo ein Alarm läutet?

Auch an die Adresse von Internetfirmen richten sich Fragen: Wie kann es sein, dass Facebook zwar angibt, in den 24 Stunden nach dem Anschlag 1,5 Millionen Kopien des Tatvideos gelöscht zu haben - bei den vielen Hasspostings zuvor aber keine Notwendigkeit sah, staatliche Stellen zu kontaktieren? Viele Netzplattformen sehen sich noch immer frei von Verantwortung, sie wehren sich dagegen, dass die Justiz ihnen ein bisschen reinredet wie etwa in Deutschland mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Dabei kann das nur der Anfang sein.

Hier braucht es Debatten, auch Druck. Und eine Öffentlichkeit, die gerade auch über ein Propagandaspektakel wie jetzt in Christchurch sachlich informiert ist, um sich nicht abspeisen zu lassen.

Terrorismus "Das sind nicht wir"

Neuseeland nach dem Attentat

"Das sind nicht wir"

Am Tag nach dem Attentat auf zwei Moscheen gedenken die Menschen in Christchurch der Opfer. Und sie machen deutlich, wofür sie und ihr Land stehen wollen.   Von Felix Haselsteiner, Christchurch