bedeckt München 26°

Komikerin Annette Frier:Die gute Seite von Köln

Annette Frier ZDF Unvergesslich - Unser Chor für Menschen mit Demenz

Annette Frier im Chor: "Es war eine kleine große Reise, die wir da unternommen haben, zunächst etwas verschämt und vorsichtig, gegen Ende fröhlich verbandelt".

(Foto: ZDF und Jan Rothstein)

Annette Frier begleitet fürs ZDF einen Chor aus Demenzkranken. "Irgendwie verschworen ob unseres großen Ziels", wie sie sagt. Ein Treffen mit einer sehr unkomplizierten Schauspielerin.

Von Hans Hoff

"Das kölsche Mädchen macht jetzt ne Reservierung und meldet sich im Anschluss." So geht das, wenn man sich mit Annette Frier verabreden möchte. Sie macht das, und sie macht das direkt. Kurz nach der Ansage kommt die Whatsapp mit Ort und Zeit. Am Rathenauplatz in Köln soll es sein, weil es da auch schon vor acht Jahren war, das erste Treffen mit der Schauspielerin, und weil es schon damals so herrlich unkompliziert war.

Es gibt ja Schauspielerinnen, die kann man nicht einfach so sprechen. Die packen einen administrativen Apparat zwischen sich und die mediale Öffentlichkeit. Da mischt bei Gesprächsanfragen die Managerin mit und gern noch eine PR-Fachkraft, und alle tun so, als müsse ihr Star mit der gleichen Sorgfalt behandelt werden wie eine teure chinesische Porzellantasse.

Nicht so bei Annette Frier. Sie weiß auch noch, was der Gesprächspartner längst vergessen hat, dass beim letzten Treffen hier gerade Richard David Precht auf dem Platz in Köln eine Rede hielt, wegen irgendeinem Stadtteilgedöns, und dass ihm sehr viele Menschen zuhörten, weshalb niemand auf Annette Frier achtete.

Mit ihrer geraden Art lässt sie die Dinge manchmal klarer wirken als sie sind

Das hat sich geändert. Irgendwann wurde sie nicht mehr in der Kategorie aufstrebende Schauspielerin geführt, irgendwann tauchte sie in immer mehr Produktionen auf und machte keine Anstalten, wieder wegzugehen. Wenn sowas passiert, achten die Leute plötzlich so sehr auf einen, dass man Projekten eine große Aufmerksamkeit verschaffen kann, die sie sonst womöglich nicht bekommen würden. Wie zum Beispiel der Idee, einen Chor zu gründen und drei Monate lang zu begleiten. Einen besonderen Chor wohlgemerkt.

"Unvergesslich - Unser Chor für Menschen mit Demenz" heißt eine vierteilige ZDF-Reihe. Sie zeigt ausnahmsweise mal nicht die Schauspielerin Annette Frier, sondern die Frau, die sich um Menschen kümmert, denen das Schicksal gerade nicht so gewogen ist. Frei nach dem BBC-Format "Our Dementia Choir" geht es da um den Versuch, Menschen mit Demenz zum öffentlichen Singen zu bringen, sie bei einem großen öffentlichen Konzert glänzen zu lassen. Dass das mit dem Konzert am Ende wegen Corona nicht so ganz hinhaute, war eine Enttäuschung für alle, es nimmt dieser Factual-Entertainment-Reihe aber nichts von ihrem großen Wollen.

"Es war eine kleine große Reise, die wir da unternommen haben, zunächst etwas verschämt und vorsichtig, gegen Ende fröhlich verbandelt, irgendwie verschworen ob unseres großen Ziels", schwärmt Frier, und man müsste aus Stein sein, um nicht zu spüren, wie viel ihr an dieser Aktion liegt.

Eine kleine große Reise. Passt das nicht auch, wenn man versuchen will, ihre Karriere zu beschreiben? So richtig los ging es mit der Serie Danni Lowinski, da war sie noch eine, die mit Erfahrungen von Switch, Wochenshow und Schillerstraße aus der komödiantischen Ecke kam. Jede Menge Lob und Preise heimste sie ein für ihre Darstellung einer aus prekären Verhältnissen aufstrebenden Anwältin. Dazu kamen Fernsehfilme, die nicht alle gelungen waren, aber wenn sie denn gelangen, dann waren sie von besonderer Klasse, und das lag zu nicht unerheblichen Teilen an Annette Frier.

Heute kommt man gar nicht mehr hinterher, wenn man all die Rollen aufzählen will, die sie aktuell prägt. Bei Kroymann bietet sie als Sidekick der Hauptdarstellerin und Namensgeberin einen leicht sarkastischen Widerpart. In der TNT-Serie Ausgebremst hat sie mitgemacht und geholfen, die aus Corona-Nöten geborene Miniserie zu einem kleinen Juwel zu verwandeln. Eine andere wichtige Rolle in ihrem Schaffen ist sicherlich die der Ella Schön, einer Asperger-Autistin, die Anwältin werden will und mit ihrer geraden Art die Dinge manchmal klarer wirken lässt als sie sind, die ihre Umwelt aber nicht nur einmal verwirrt, weil sie jenseits diplomatischer Konventionen halt deutlich sagt, was ist. Bis Weihnachten stehen noch zwei neue Folgen auf dem Drehplan.

Angenehm kölsch kommt sie daher - sie verkörpert die guten Seiten der Stadt

Vorher war aber noch Zeit für einen Auftritt in einer bedeutenden Kinoproduktion. Aus der Garderobe im westfälischen Lünen schickt Frier ein nicht zur Veröffentlichung bestimmtes Bild, das zeigt, wie sie sich in die Mutter des von Thomas Mann geschaffenen Hochstaplers Felix Krull verwandelt. "Dies eine kleine Rolle zu nennen wäre noch zu groß, aber die Beschreibung dieses Elternhauses konnte ich nicht ablehnen", schreibt sie und zitiert aus ihrer Vorlage: "Meine Eltern haben sich so sehr miteinander gelangweilt, dass wir fast jeden Abend Besuch hatten."

Auf dem zugehörigen Bild trägt sie Rüschen und Locken, die von einer gewissen Lebenserschöpfung künden. Da ist sie auf einmal eine Frau, die wirkt, als sei sie schon früh in die Jahre gekommen, und es könnte keinen größeren Gegensatz zum aktuellen Sein der 46-Jährigen geben, die so wach und präsent und unprätentiös daherkommt, dass man sich schon immer wieder mal vergewissern muss, dass sie wirklich im eitelkeitsgetriebenen Schaustellergewerbe tätig ist. Angenehm kölsch kommt sie daher - sie verkörpert die guten Seiten der Stadt, trägt nicht diese penetrante Selbstbesoffenheit zu Markte, die Köln manchmal auch unerträglich macht. Müsste man Annette Frier mit einer kölschen Band vergleichen, dann wäre sie in ihrer volkstümlichen Warmherzigkeit eher eine von den Bläck Fööss als eine von den Höhnern.

Das mit den Bläck Fööss passt, denn die Lieder dieser Band hat sie im Frühjahr zum Einsingen gesungen: "Drink doch eine mit" war so ein Lied, das im Rheinland, wo gedreht wurde, immer geht, das Herzen aufschließt. "Ich glaube, das waren meine Gänsehauthighlights", sagt Frier. Man sieht sie, wie sie mit den Menschen singt, man sieht sie, wie sie die Menschen besucht, wie sie mit Betroffenen und Angehörigen spricht, wie sie sich kümmert. Ehrlich, aufrichtig.

Sagt man ihr, dass vier Folgen à 45 Minuten möglicherweise ein bisschen viel Stoff sind und dass es sich zwischendrin etwas arg zieht, zeigt sie keine Stirnfalten. Es brauche halt seine Zeit, 20 Protagonisten vorzustellen. Und überhaupt brauche es auch den Mut zu Pausen. Sie sei in den vergangenen Monaten ein großer Fan der allgemeinen Entschleunigung geworden. "Kurzfristig ist das Leben oft kleinteilig und mühsam, langfristig lohnt es sich, auch das zu betrachten", sagt sie und schiebt dann noch ein Zitat von T.S. Eliot nach: "Das Leben ist sehr lang."

Zum Ausklang des Gesprächs schlägt sie dann noch vor, erneut rund um den Rathenauplatz zu wandeln. Diesmal ist Richard David Precht nicht da. Viele Menschen haben sich trotzdem versammelt. Das Wetter ist gut, der Abend lau. Trotzdem kann Annette Frier da einfach so lang spazieren. Man macht in Köln nicht viel Aufhebens um so eine. Man weiß, dass man sie hat, und man weiß, dass das gut so ist.

Und Annette Frier strahlt genau die angenehme Selbstverständlichkeit aus, die es braucht, um haargenau in diese Atmosphäre zu passen. Sie will nichts Besonderes sein an diesem Abend. Sie will einfach nur so sein, wie sie ist.

"Unvergesslich - Unser Chor für Menschen mit Demenz", 21. Juli, 22.15 ZDF.

© SZ/khil

Fernsehen
:"Mama ist die beste Tarnung"

In der Film- und Fernsehbranche arbeiten erstaunlich viele Kinder mit ihren Eltern zusammen. Hier erzählen sie, wie das gelingt - und von Vertrauen, Humor und Kinoversessenheit.

Aus der SZ-Redaktion

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite