Zum 90. Geburtstag Anneliese Friedmann, die Zeitungsfrau

Anneliese Friedmann volontierte bei der SZ und kolumnierte später auch für den Stern. Nach dem Tod ihres Mannes 1969 wurde sie Verlegerin der Abendzeitung.

(Foto: dpa)

Sie war Journalistin, bevor sie Verlegerin der "Abendzeitung" und Gesellschafterin der SZ wurde. Zum 90. Geburtstag der Frau, die über der Münchner Schickimicki-Gesellschaft thronte.

Von Kurt Kister

Vor vier Jahren bekam Anneliese Friedmann einen Henri-Nannen-Preis für ihr Lebenswerk. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass Friedmann die Grande Dame unter den Zeitungsverlegern ist, sondern auch damit, dass sie erst Verlegerin der Münchner Abendzeitung und Gesellschafterin der Süddeutschen wurde, nachdem sie lange als Journalistin gearbeitet hatte - für die SZ, aber auch für den Stern unter Henri Nannen als Kolumnistin Sibylle.

Nun sind Journalisten nicht unbedingt gute Verleger, vice versa gilt das sogar verstärkt. Dennoch ist Anneliese Friedmann eines jener sehr seltenen Wesen, die in beiden Sphären der einander bedingenden, sich voneinander ernährenden Berufswelten, der der Verleger und der der Journalisten, jeweils reüssierten. Das kam auch früher nicht häufig vor; heute gibt es dies gar nicht mehr, auch weil viele der heutigen Verlagsmitbesitzer ein innigeres Verhältnis zu Zahlen als zu Buchstaben oder gar deren gefälliger Aneinanderreihung haben.

Aus der frechen Sibylle wurde von 1970 an La Friedmann, DIE VERLEGERIN in Großbuchstaben

Als Kolumnistin Sibylle war Anneliese Friedmann jedenfalls im Sinne des Wortes tonangebend für die moderne Frau der 1960er-Jahre. Was sie damals schrieb, galt als "frech", und dies war in der halbautoritären Nachkriegsgesellschaft Westdeutschlands nicht unbedingt als Kompliment gemeint. Als 1969 ihr Mann Werner Friedmann starb, Verleger der AZ und Gesellschafter der SZ, übernahm sie seine Geschäfte und stieg damit zumindest aus dem schreibenden Journalismus aus.

Vor allem als Verlegerin der Abendzeitung, die einst das junge, irgendwie hippe Blatt Münchens war, wurde aus der frechen Sibylle dann von 1970 an La Friedmann, DIE VERLEGERIN in Großbuchstaben. Sie war viel gebildeter als ihre Zeitung, was beide einander spüren ließen und wovon beide gut lebten, auch im ökonomischen Sinne. Anneliese Friedman konnte Nationaltheater genauso gut wie Zirkus oder auch mal Varieté mit seltsamen Leuten und kleinen Hunden. Das was sich in München als Schickimicki-Gesellschaft entwickelte, war ohne die AZ nicht denkbar. Die Friedmann thronte über alledem. Wer wissen will, wie es gewesen sein könnte, möge die unsterbliche Serie Kir Royal noch einmal anschauen. Sie ist auch eine fiktionale Verfilmung von Friedmanns Verlegerleben; manches stimmt nicht, manches sehr. Schauspieler, Autoren und sonstige Adabeis aus Kir Royal verkehrten im wirklichen Leben in Friedmanns Kreisen - oder war es umgekehrt?

An diesem Dienstag wird Anneliese Friedmann 90. Man tut ihr nicht unrecht, wenn man sie eine Verlegerin alten Schlages nennt. Sie ist eine leidenschaftliche Zeitungsfrau geblieben, was sich in vielem zeigt, aber auch in der Antwort auf die Frage einer Interviewerin des Manager Magazin, warum die Friedmanns, anders als der Rest der Altverleger der SZ, 2007 ihre Anteile am Verlag nicht verkauften. Sie und ihr Sohn Johannes seien eben "Zeitungsleute". Und außerdem: "Wir sagten uns, was soll das viele Geld, wenn man dann nur schauen muss, wie man es gut anlegt." Recht hat sie. Und außerdem wäre das auch ein guter Satz für Kir Royal.

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