"Anne Will" zu Frankreich:"Wenn wir Macron nicht gehabt hätten, stünden wir blöd da"

´Anne Will" vom 07.05.2017

Moderatorin Anne Will, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und Alfred Grosser, französischer Politologe (von links nach rechts).

(Foto: dpa)

Die Gäste bei "Anne Will" atmen durch: Gerade noch mal gut gegangen, die Wahl in Frankreich. Viel Zeit bleibt aber nicht, um über den neuen Präsidenten zu diskutieren - die ARD hat etwas gutzumachen.

TV-Kritik von Antonie Rietzschel

In Frankreich hat ein 39-Jähriger die Wahl gewonnen. Emmanuel Macron ist der jüngste Präsident in der Geschichte des Landes. Das macht vor allem junge Franzosen glücklich. Aber auch der 92-jährige Alfred Grosser ist begeistert. "Es ist eine Revolution. Die ganze alte Garde ist weg", sagt er in der ARD-Talkshow Anne Will. Grosser ist Publizist und Kolumnist, gleichzeitig ist er Mitglied des Komitees zur Beobachtung des Extremismus, dazu gehört auch der französische Front National.

Was wäre gewesen, wenn statt Macron der Kandidat der Linken, Jean-Luc Mélenchon, gegen Marine Le Pen angetreten wäre? Eine Frage, die Grosser sich selbst stellt und auch gleich die Antwort mitliefert: Mélenchon hätte nicht gegen Le Pen gewinnen können. "Und dann wäre ich wahrscheinlich in die Seine gesprungen", sagt Grosser. Er lacht vor sich hin, ein kleiner Scherz. Ist ja noch mal gut gegangen. Auf dem Vorplatz des Louvre hält nicht Le Pen, sondern Emmanuel Macron als neuer Präsident Einzug.

Künftige Reibungspunkte werden sichtbar

Und in Berlin diskutiert Anne Will mit ihren Gästen über die Zukunft Frankreichs und Europas. Es ist eine merkwürdig zusammengewürfelte Runde. Luxemburgs Premierminister Xavier Bettel ist da. Der hat sich offensichtlich dadurch qualifiziert, dass seine Mutter Französin war und er in Frankreich zur Schule ging. Zumindest wird das in der Anmoderation erwähnt. Und er hat Macron vor Kurzem persönlich getroffen. Neben ihm sitzt Gesine Schwan, SPD-Politikerin, einstige Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin und überzeugte Europäerin. So wie eigentlich alle in der Runde. CDU-Politikerin Ursula von der Leyen ist da. Von der Verteidigungsministerin möchte man derzeit eigentlich eher eine Einschätzung zur Bundeswehr als zu Frankreich.

Angesichts des Wahlerfolgs sind alle schwer erleichtert. Das macht den weiteren Verlauf der Diskussion erst mal recht erwartbar. Gleichzeitig werden die Reibungspunkte sichtbar, die es künftig geben könnte. Macron möchte ein gerechteres Europa: Es soll einen eigenen Haushalt für die Euro-Zone geben, samt Finanzminister und Parlament. Die Verteilung soll sich auch an sozialen Faktoren orientieren. Grosser und Schwan sind sich hier einig: Wirtschaftlich starke Länder wie Deutschland müssen auf Frankreich zugehen. Von der Leyen findet, dass jedes Land selbst stärker werden muss, damit es ein starkes Europa geben kann. Bettel meint, es braucht keine neuen EU-Institutionen. Macron wird es schwer haben.

Man wünscht ihm Alfred Grosser zum Berater oder zumindest zum Freund. Seine Geschichte erinnert an die dunklen Stunden Europas, mahnt, wohin Rassismus und Hass führen können. Grosser ist jüdischer Herkunft. Er verließ Deutschland 1933 gemeinsam mit seiner Familie. Damals war er acht Jahre alt und seine neue Heimat wurde Frankreich. 1937 erhielten Grosser und seine Mutter, mittlerweile Witwe, die französische Staatsbürgerschaft. Damit entgingen sie der Internierung in französischen Lagern. Während der Anne-Will-Sendung wird ein Schwarz-Weiß-Foto eingeblendet. Der kleine Alfred mit kurzen Hosen und Mütze.

Doch Grosser ist offensichtlich kein Mann, der sich mit der Emotionalität seiner eigenen Vergangenheit aufhalten möchte. Er ist Analyst und will über die Zukunft sprechen. Auch wenn sich Grosser immer für Macron ausgesprochen hat, sieht er dessen Pläne durchaus kritisch. "Er will in Frankreich das Geld zuerst an die verteilen, die die wenigsten Chancen haben", sagt der 92-Jährige. Er lobt Macrons Plan, die Jugend in Pariser Vororten besser integrieren zu wollen. Aber er kritisiert auch die Forderung nach mehr Mitbestimmung in den Betrieben: "Das ist furchtbar. Das schaltet die Gewerkschaften aus. Im Herbst wird es dann Proteste geben."

Man möchte mehr Analyse hören. Doch dieser Wunsch scheitert am Konzept der Sendung. Die ARD hat an diesem Sonntag einiges wiedergutzumachen. Die öffentlich-rechtlichen Sender gerieten zuletzt wegen unzureichender Berichterstattung in die Kritik. Vor zwei Wochen fand in Köln der AfD-Parteitag statt, gleichzeitig lief in Frankreich die erste Runde der Präsidentschaftswahl, aus der Le Pen und Macron als die beiden Kandidaten für die Stichwahl hervorgingen. Doch es gab keinen Brennpunkt, kein ZDF Spezial. Die Talkshows Anne Will und Hart aber fair pausierten.

Von der Leyen muss natürlich was zur Bundeswehr sagen

Diesen Sonntag sollte deswegen alles anders sein. Mitten in der Diskussion schaltet die ARD wiederholt nach Paris, wo der Zuschauer Macron bei seinem langen Weg über den Louvre-Platz sieht. Anne Will kommentiert sein Auftreten: Er sehe so ernst aus, als ruhe eine schwere Last auf den Schultern. Die Paris-Korrespondentin berichtet von der Stimmung vor Ort. Im Off hört man Alfred Grosser murmeln. Das Konzept der Sendung sieht auch vor, dass von der Leyen unbedingt etwas zum jüngsten Bundeswehrskandal sagen muss.

So bleibt am Ende weniger als eine Dreiviertelstunde, um über den Wahlsieger Macron zu sprechen. Gesine Schwan erklärt ihn zum Retter Europas - Verteidigungsministerin von der Leyen widerspricht klar. Sie behauptet in der Diskussion, es hätte zuletzt wieder ein anwachsendes Vertrauen in Europa gegeben, als Beispiel nennt sie die Zusammenarbeit der Armeen der einzelnen Länder. Schwan kontert: "Sie sprechen von anwachsendem Vertrauen, das ist nicht der Fall. Wenn wir Macron nicht gehabt hätten, stünden wir blöd da"."

© SZ.de/jobr
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