"Anne Will" zu Chemnitz "Das darf nicht der Preis der deutschen Einheit sein"

Anne Will ließ über die Folgen der rechten Krawalle in Chemnitz debattieren.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Für Wolfgang Thierse sind die Bürger Teil des Problems, Michael Kretschmer geht Journalisten an und Serdar Somuncu kritisiert Angela Merkel. Eine hitzige Runde über die Krawalle in Chemnitz.

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Dass der Ministerpräsident von Sachsen unter Druck steht, erkennt man daran, dass er Anne Will angreift: Sie sei "nicht nahe genug dran", um das Thema beurteilen zu können - gleiches unterstellt er dem Journalisten Olaf Sundermeyer. Beide hatten von Michael Kretschmer (CDU) wissen wollen, warum die Polizei mit den rechten Protesten nach einem Mord vor einer Woche in Chemnitz überfordert war. Die Moderatorin muss Kretschmer darauf hinweisen, dass Sundermeyer Rechtsextremismus-Experte ist und sich durchaus mit Fragen wie dem angemessenen Einsatz von Behörden gegen Demonstranten auskennt - sie bekommt den ersten großen Publikumsapplaus des Abends dafür.

"Chemnitz und die Folgen" hat die Redaktion den Polit-Talk in der ARD betont vorsichtig benannt - wohl um nicht weiter Öl ins Feuer zu gießen, wo es schon brennt. Voller Feuer sind auch die Antworten der Gäste an diesem Abend.

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Vor allem bei Kabarettist Serdar Somuncu. Bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, teilt er auch diesmal wieder aus: Ein großes Problem sei Merkels "Dekret" von 2015 gewesen: "Wir schaffen das." Weil sie nicht gesagt habe, was und wie es zu schaffen sei, und die Menschen nun das Gefühl hätten, dass ihnen das Problem über den Kopf wachse.

Wer ist schuld: Politik oder Bürger?

Das hat so ähnlich schon vor einer Woche FDP-Vize Wolfgang Kubicki formuliert und ist dafür kräftig gescholten worden. Aber Somuncu sagt noch mehr: Die Bundeskanzlerin habe "viel zu spät begriffen", dass den Menschen eher in ihren Heimatländern zu helfen sei und dass Deutschland besser darauf achten müsse, dass, wer zu uns komme, sich auch an deutsche Werte halten müsse. Und wer das sagt, dürfe nicht als Demagoge verschrien werden. Er bekommt den zweiten großen Applaus des Abends.

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) widerspricht energisch. Wer nicht wisse, wohin mit seinem Ärger und seiner Wut, trage als Bürger dennoch die Verantwortung, nicht mit Rechten zu marschieren und die Fehler nur in der Politik zu suchen. Die Vorgänge in Chemnitz hält er für einen "Anschlag auf die Demokratie". In Chemnitz kämen zwei Dinge zusammen: Die rechtsextreme Szene und "die Menschen, die ihre Wut dahin tragen", diese Mischung sei gefährlich. "Das darf nicht der Preis der deutschen Einheit sein."