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Anne Will über Sexismus:"Wir haben eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit"

Gerhart Baum bei Anne Will 2017

Gerhart Baum (FDP) in der TV-Sendung "Anne Will".

(Foto: NDR/dpa)

Bringt die Sexismus-Debatte uns weiter oder nur die armen Männer durcheinander? Bei Anne Will ist der flammendste Feminist ein 85-jähriger FDP-Mann.

Gerhart Baum ist an diesem Sonntagabend gut gelaunt, sonst wäre ihm womöglich das Lachen im Halse stecken geblieben, als ihn Frauenrechtlerin Ursula Schele zu später Stunde aus Versehen "Brüderle" nennt.

Kurz zuvor war es bei Anne Will im Ersten um den ehemaligen FDP-Fraktionsvorsitzenden Rainer Brüderle gegangen. Der war gegenüber der Journalistin Laura Himmelreich anzüglich geworden. Was diese im Januar 2013 unter dem Titel "Der Herrenwitz" im Stern monierte. Brüderle war da gerade zum Spitzenkandidaten der FDP für die Bundestagswahl ernannt worden. Die Geschichte hatte die ganze Gestrigkeit der damaligen FDP offengelegt. Sie flog dann erstmals in ihrer Geschichte aus dem Bundestag.

Himmelreich sitzt nun mit im Studio. Gerade hat sie noch mal dezidiert erklärt, was an Brüderles Herrenwitz genau falsch gewesen war ("Bei jedem Treffen hat er mein Aussehen, mein Alter und meine Rocklänge thematisiert"). Neben ihr sitzt Baum, ehemaliger Bundesinnenminister und wie Brüderle FDP-Mitglied. Er kommt ein bisschen ins Schleudern bei der Frage, warum er damals seinen Parteikollegen nicht schon früher zur Räson gerufen habe. Jeder wusste ja, dass Brüderles Humor die Grenze zum Sexismus sprengen konnte.

Für Baum wäre es eine Gelegenheit zu erklären, warum er nie etwas gesagt hat. So wie es jetzt Kollegen von Harvey Weinstein oder Kevin Spacey tun, die jahrelang über das offenbar bekannte übergriffige Verhalten ihrer prominenten Mitstreiter geschwiegen haben. Baum beantwortet die Frage schließlich mit der "Solidarität in der Partei, über die man sich nicht hinwegsetzen wollte und konnte". Im Übrigen seien Herrenwitze im Bundestag heute immer noch üblich.

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Baum engagiert sich schon lange gegen Sexismus

Das klingt nicht unbedingt überzeugend. Trotz dieser etwas schwierigen Ausgangslage ist es am Ende Baum, 85-jährig und einziger Mann in der Runde, der zu dem Thema "Die Sexismus-Debatte - Ändert sich etwas?" an diesem Abend das flammendste Plädoyer für die Frauen hält.

"Wir haben einen Alltagssexismus, hier in Berlin, überall, an jedem Tag, der zusammenhängt mit den Machtstrukturen", sagt Baum. Das sei ein Angriff auf die Menschenwürde und mache Frauen schwach und wehrlos. "Wir haben eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit", befindet Baum. Die zeige sich nicht nur gegenüber Fremden und Obdachlosen, sondern auch im Sexismus. "Wir müssen diese Krankheiten in unserer Gesellschaft aufspüren und darüber reden, wir brauchen einen Mentalitätenwechsel."

Holla. Solcherlei leidenschaftlichen Feminismus hätte der ehemalige Vorsitzende Richter am Bundesgerichtshof, Thomas Fischer, der eigentlich anstelle Baums für die Sendung vorgesehen war, wohl kaum walten lassen. Fischer und Feminismus, beides hat nur den ersten Buchstaben gemeinsam. Baum dagegen legt Wert darauf, immer schon auf der Seite der Frauen gekämpft zu haben. Und dass er seiner Partei, die das leider anders sehe, am liebsten eine Quote verordnen würde. Er klingt weniger wie ein FDPler als wie ein Grüner, als er sagt: "Die Machtstrukturen müssen geändert werden."

Da bleibt den verbleibenden Diskutantinnen in der Runde kaum noch Angriffsfläche. Verona Pooth kommt stattdessen mit einer abenteuerlichen These um die Ecke. Sie spekuliert, dass Hollywood-Schauspieler Kevin Spacey nur deshalb des Missbrauchs bezichtigt werde, um von den Missetaten des Produzenten Harvey Weinstein abzulenken. Das hätten Weinsteins Berater geschickt eingefädelt. Unabhängig davon, ob da was dran sein könnte, offenbart dieser Gedankengang einer Prominenten einiges darüber, wie es im Showbusiness zuweilen zugehen muss.

Das bestätigt auch Heike-Melba Fendel, die mit ihrer Künstleragentur unter anderem Maria Furtwängler und Matthias Brandt vertritt. Auf die Frage, warum so viele Frauen und Männer sich aktuell öffentlich über sexuelle Übergriffe beschweren, antwortet sie, dahinter stünden PR-Strategen. Diese würden den Künstlerinnen sagen, dass es ihrer Karriere nicht schade, wenn sie sich als Opfer im Rahmen der #metoo-Debatte outeten.