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"Anne Will" zum Niedriglohn:Endstation Notunterkunft

Anne Will; Anne Will 03.03.2019

Wenn der Verdienst kaum zum Leben reicht: Anne Will diskutierte mit ihren Gästen über die Folgen von niedrigen Löhnen.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Menschen mit Vollzeitjobs, die wohnungslos sind - arme Rentner, die mit Anträgen drangsaliert werden: Anne Will lässt über die Folgen von niedrigen Löhnen diskutieren. Einen Berliner Sozialarbeiter packt angesichts der Politiker-Plattitüden die Wut.

Der Berliner Guido Fahrendholz wirkt etwas eingezwängt inmitten des Publikums. Die Zuschauerränge im Studio der Talksendung Anne Will lassen einem breitschultrigen Kerl wie ihm gerade genug Platz, um halbwegs bequem zu sitzen. Und dann rutscht er auch noch die ganze Zeit nervös herum, wie er sagt. Weil er den Damen und Herren in ihren cremefarbenen Sesseln vorne auf der Bühne gerne die Meinung geigen würde. Der Gedanke kommt auf, dass er besser in einen der Sessel passen würde. Dann könnte er sich auch viel öfter einbringen. Denn Guido Fahrendholz hat wirklich etwas zu sagen.

Zum Beispiel: "Eine Gesellschaft ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied." Ein Satz wie gemalt für diese Sendung, in der es um Menschen in Deutschland mit argen finanziellen Problemen geht. Im Speziellen um die, die trotz Arbeitsstelle in Not sind und deshalb später auch eine niedrige Rente beziehen. "Niedriger Lohn, magere Rente - was ist uns Arbeit wert?" heißt die Sendung. Schade, dass der im Publikum sitzende Fahrendholz dabei nur zwei Mal aufgerufen wird.

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Er öffnet die Tür hinaus in eine Welt, die vielen unbekannt ist. In die Welt der Menschen mit sehr wenig Geld. Und ohne Wohnung. Er arbeitet als Koordinator einer Notunterkunft in der Storkower Straße im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Anne Will fragt ihn, ob es stimme, was sie in ihrer Redaktion "echt hart" finden: dass Menschen in Vollzeitjobs zu ihm in die Einrichtung kämen? Antwort: "Die Zahlen vermehren sich und das ist erschreckend."

Verantwortung? Joa, ein bisschen vielleicht

Es seien Menschen aus Berufen oder Branchen, die von der Wirtschaft gerne als Kollateralschaden in Kauf genommen würden. "Wie eben Reinigungskräfte, wo die Menschen mit Löhnen auskommen müssen, die an einer sozialen Realität vor allem in urbanen Ballungsräumen völlig vorbeigehen", schimpft Fahrendholz. Er rutscht in diesem Moment zwar nicht auf seinem Stuhl herum. Dennoch ist spürbar, dass er innerlich brodelt. Denn dort vorne sitzen Vertreter der CDU (Mike Mohring, Landesvorsitzender in Thüringen), der SPD (Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz), von den Grünen (Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende) - und damit fast aller Parteien, die in den vergangenen Jahren ein Anschwellen der Armutsprobleme zumindest nicht verhindert haben.

Anne Will fragt für ihre Verhältnisse forsch und nachdrücklich, wer denn nun die Verantwortung übernehmen will. Etwa dafür, dass der Niedriglohnsektor im Land seit Jahren größer wird, inzwischen sind es schon mehr als vier Millionen Arbeitnehmer. Sie verdienen weniger als zwei Drittel des mittleren Lohns, das sind etwa zehn Euro pro Stunde. Deutschland hat innerhalb der Europäischen Union einen der größten Niedriglohnsektoren, hinter ein paar mittelosteuropäischen Staaten und Zypern. Also: Verantwortung? Joa, ein bisschen vielleicht.

Göring-Eckardt kritisiert sich selbst, weil die Grünen damals bei der Einführung der Hartz-IV-Gesetze nicht einen Mindestlohn mit eingeführt haben. SPD-Frau Dreyer stimmt zu. CDU-Mann Mohring (der eine Wollmütze trägt, weil er wegen einer Krebserkrankung eine Chemotherapie absolviert) spricht von Mitverantwortung - aber der Staat habe auch lange kein Geld gehabt.

Und dann ist da noch Reinhold von Eben-Worlée, Präsident des Verbands der Familienunternehmer. Verantwortung für die niedrigen Löhne? Nicht doch. Im Gegenteil. Die Unternehmer würden freiwillige Leistungen bezahlen, sie bildeten junge Menschen aus. Es käme eben auf Branchen und Regionen an. Und bei Problemen müsse der Staat was tun. Zum Beispiel findet es Eben-Worlée beunruhigend, dass seine Mitarbeiter in Hamburg keine bezahlbare Wohnung mehr finden, einige würden von Mecklenburg-Vorpommern aus pendeln.