Lauterbach und Söder bei "Anne Will":Bloß kein "Und täglich grüßt das Corona-Murmeltier"

Lesezeit: 3 min

Anne Will; Kuhle und Lauterbach bei Anne Will

Wird er es oder nicht? Karl Lauterbach hatte für eine mögliche Position als Gesundheitsminister in der Runde mehr Unterstützung, als er sich das wohl selbst erwartet hätte.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs/NDR/Wolfgang Borrs)

Markus Söder will sich bei Anne Will mit spärlichen Erfolgen schmücken. Er scheitert an der Realität, die auch eine anwesende Medizinerin schildert. Und Karl Lauterbach verrutscht die steinerne Mimik bei der G-Frage.

Von Marlene Knobloch

Bayern hat viele tolle Videoschalten-Hintergründe. Bergspitzen, der glitzernde Starnberger See, der nächtliche Marienplatz. Aber nach Tagen, an denen die Inzidenz leicht gesunken ist in Bayern, wählt Markus Söder für seinen Auftritt bei Anne Will das Siegestor. In die Inschrift "Dem Bayerischen Heere" ragt Söders Kopf samt trotziger Unterlippe.

Nach Horrorbildern von Helikoptern, die Patienten ausfliegen, nach rot leuchtenden Krankenhäusern und dem Flehen von Medizinern nach Hilfe, also nach einer Zeit, in der der nationale Krisenmanager und Corona-Sheriff der ersten Wellen jetzt in dieser vierten Welle von schlechten Werten umstellt ist, sei es die Impfquote oder die Zahl freier Intensivbetten, will Söder an diesem Abend Erfolg ausstrahlen. Alles wieder unter Kontrolle. Vielleicht wäre die Inszenierung weniger schief geraten, säße nicht auch eine Notfallmedizinerin in der Runde. Und der nicht für seine Euphorie berühmte Karl Lauterbach. Dem selbst kurzzeitig die steinerne Mimik verrutscht, als es um die Frage geht, ob hier Deutschlands neuer Gesundheitsminister sitzt.

Die Sendung startet mit der Realität aus den Krankenhäusern und Carola Holzner, der Notaufnahmeleiterin aus Duisburg, die weder Medizin- noch Talkshow-Klischee entspricht. Tätowiert und im Karohemd sitzt sie in der Runde und hat einen feinen Filter für die Phrasenflut aus Bayern. Sie erzählt von Schlaganfall-Patienten, für die keine Intensivbetten mehr übrig sind. Und stellt die berechtigte Frage, wie die beschlossenen Gesetze wie der Lockdown für Ungeimpfte aussehen. Klingeln Polizisten an Heiligabend? "Wer soll das kontrollieren?"

Die Medizinerin zwinkert Anne Will schmunzelnd zu, als Söder ungeachtet der Frage erst mal die neuesten Leistungen vom Siegestor erzählt, wo "eine Menge bewegt worden", "ein großer Schritt" vorangegangen und mit den neuen Maßnahmen ein "wichtiges Signal" gesetzt sei. Aber auch die Erfahrung der SZ-Journalistin Cerstin Gammelin, die von fehlenden Impfnachweis-Kontrollen in Thüringen erzählt, prallen am CSU-Chef ab.

Um die wenigen Erfolgskrümel dieser Tage reißt sich ebenso Konstantin Kuhle von der FDP und streut sie über seine Koalition. Er reißt eine immense Fallhöhe an, nämlich dass Deutschland mit Corona die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt, um dann zu betonen, dass erst mit der Ampelregierung, "erst im Dezember 2021" unkompliziertes Impfen möglich sei, etwa beim Apotheker oder beim Tierarzt.

Selbst Söder hätte Lauterbach gerne als Spahn-Nachfolger

Karl Lauterbach gibt sich zahm, als es um die Frage eines neuen Lockdowns geht: "Ich glaube nicht, dass wir einen brauchen, aber versprechen kann ich das derzeit nicht." Das hänge von der Omikron-Variante ab. Dann stellt die Gastgeberin die Frage, von der Lauterbach natürlich wusste, dass sie kommt. Ob Scholz schon angerufen hat, um ihm zum Posten des Gesundheitsministers zu gratulieren? Lauterbach starrt auf den Studioboden und wirft die rheinländische Leier an: "Olaf Scholz hat mich also ... äh ... in vielerlei Hinsicht als Wissenschaftler schon angerufen." Er zückt schnell das einstudierte Stichwort, nämlich die "vielen guten Leute", die in seiner Partei für das Amt qualifiziert seien, überhaupt sei er froh, dass die SPD diesen Ministerposten gezogen habe.

Da ruckelt ein spontanes Bekenntnis der Medizinerin an der eisernen Mimik Lauterbachs, der aufschaut, grinst und an seinem Sakko zupft. "Ganz viele Kollegen inklusive mir würden sich sehr freuen, wenn Sie unser zukünftiger Gesundheitsminister würden", sagt die Duisburger Ärztin Holzner. Sogar aus München kassiert der SPD-Abgeordnete Schmeicheleien, als Söder sagt, es brauche jetzt jemanden, der keine 100 Tage Einarbeitungszeit braucht. "Ich würde das begrüßen."

Gegen den ausdauernden bayerischen Frohsinn schleudert Anne Will schließlich scheußliche Zahlen wie die Sterberate und vor allem die miese Impfquote in Bayern Richtung Bildschirm. Söder schwenkt den Kopf mit zusammengepressten Lippen, als habe man das Tor nur knapp verfehlt. "Mich ärgert des ja!" Was habe man nicht alles gemacht. Man habe Bratwurstbrötchen und gute Argumente angeboten. Er versichert in liebstem Fränkisch, man wolle ja kein "Und täglich grüßt das Corona-Murmeltier". Ächzend und schnaubend transportiert er glaubwürdig seine Verzweiflung über dieses eigensinnige Land. Warum er allerdings keine Briefe an jeden Bürger wie in Bremen geschrieben habe, verrät er nicht.

Am Ende darf die Medizinerin Holzner live präsentieren, wie sie normalerweise Impfskeptiker im Vier-Augen-Gespräch überzeugt. In neun von zehn Fällen gelänge ihr das. Sie zählt flott Studien und Statistiken auf, wischt Mythen beiseite, tauscht schwache gegen starke Argumente.

Vielleicht schaut ja ein impfskeptischer Bayer zu. Man wünscht es sich nach diesem Abend ein bisschen auch für Markus Söder.

Lauterbach und Söder bei "Anne Will": Marlene Knobloch ist freie, streamende Autorin, träumt aber von Fernsehern in Küche und Schlafzimmer. Jeden Sonntag könnte sie dann linear zu den Kommen-Sie-gut-in-die-Woche-Wünschen der Nachtmagazin-Moderatoren mit Tausenden Zuschauern in Deutschland wegdösen. Bis dahin schaut sie beim Kartoffelschälen alte Harald-Schmidt-Folgen auf ihrem Laptop.

Marlene Knobloch ist freie, streamende Autorin, träumt aber von Fernsehern in Küche und Schlafzimmer. Jeden Sonntag könnte sie dann linear zu den Kommen-Sie-gut-in-die-Woche-Wünschen der Nachtmagazin-Moderatoren mit Tausenden Zuschauern in Deutschland wegdösen. Bis dahin schaut sie beim Kartoffelschälen alte Harald-Schmidt-Folgen auf ihrem Laptop.

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