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TV-Kritik zu Anne Will:Das nächste Durcheinander

Anne Will; Anne Will vom 02.05.2021

In der Runde diskutieren: Michael Hüther (Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Köln), Christine Lambrecht (SPD), Moderatorin Anne Will, Christiane Woopen (Vorsitzende des Europäischen Ethikrats), Martin Stürmer (Virologe ) und zugeschaltet Markus Söder (CSU).

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Nach dem Streit um die Notbremse droht bei der Diskussion um mehr Freiheiten für Geimpfte der nächste Flickenteppich. Und die Runde bei Anne Will zeigt: Immer geht es auch um das Duell Söder gegen Laschet.

Von Peter Fahrenholz

Als Virologe oder Virologin hat man in Talkshows zu Corona seit Monaten ein Déjà-vu-Erlebnis: Die immer gleichen Warnungen werden von der Politik zwar höflich zur Kenntnis genommen, mehr aber auch nicht. Bei "Anne Will" muss am Sonntagabend der Virologe Martin Stürmer den undankbaren Part übernehmen, zum x-ten Mal darauf hinzuweisen, dass es doch am allerwichtigsten sei, zunächst mal die Infektionszahlen kräftig nach unten zu drücken und deshalb lieber weiter auf der Bremse zu bleiben.

Die anderen Gäste verhaken sich aber lieber in ihre jeweiligen Streitfragen. Nach Lockdown ja oder nein, Öffnungsstrategien ja oder nein und einheitliche Notbremse ja oder nein geht es jetzt um die Frage: Mehr Freiheiten für Geimpfte ja oder nein, und wenn ja, welche zuerst. Auch als Zuschauer hat man hier seit Monaten ein Déjà-vu-Erlebnis, denn schon nach wenigen Minuten wird klar: Eine einheitliche Linie ist nicht erkennbar, es droht der nächste Flickenteppich. Und der Frontverlauf ist inzwischen völlig unübersichtlich geworden.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) wirbt vehement für ihren Vorstoß, vollständig Geimpften sofort ihre individuellen Grundrechte zurückzugeben. Denn wenn von ihnen laut Einschätzung der medizinischen Experten nur noch eine ganz geringe Gefahr ausgehe, gebe es für den Staat keinerlei Spielraum mehr. "Der Staat hat dann kein Recht mehr, Grundrechte einzuschränken." Lambrechts Parteifreund Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen, hatte hingegen wenige Stunden zuvor in einer anderen Fernsehsendung ein deutliches Fragezeichen hinter Lambrechts Position gesetzt.

Schützenhilfe erhält Lambrecht dagegen von Markus Söder. Der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident ist wie immer zugeschaltet und bei Söder kann man immer sofort erkennen, was er von den Diskussionsbeiträgen der anderen hält. Er nickt dann entweder zustimmend oder schüttelt verdrießlich den Kopf, manchmal zieht er auch einen Flunsch. Söder nimmt Lambrechts Ball, es müsse doch möglich sein, dass beide Großeltern ihre Enkel besuchen, wenn sie geimpft sind, dankbar auf. "Da hat Frau Lambrecht völlig recht."

Aber Söders größtmöglicher Antipode sitzt ja, wie man weiß, ohnehin nicht bei der politischen Konkurrenz, sondern in der eigenen Schwesterpartei. Nun ist Armin Laschet zwar selber gar nicht da, trotzdem spielt das Duell Söder gegen Laschet bei "Anne Will" wieder eine tragende Rolle. Denn aus dem Laschet-Lager sind gewissermaßen zwei Sekundanten gekommen: Michael Hüther, Direktor des Institutes der deutschen Wirtschaft, und Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrates.

Beide sitzen ins Laschets Expertenrunde und setzen erkennbar andere Schwerpunkte. Woopen zweifelt Lambrechts Plädoyer, zunächst die individuellen Grundrechte wieder freizugeben, an und fragt, ob es nicht wichtiger sei, wieder ins Restaurant gehen zu dürfen, statt nachts mit mehr Leuten als bisher spazieren zu gehen. Und Hüther wirbt für Laschets Konzept, beim Impfen jetzt vor allem in die sozialen Brennpunkte zu gehen.

Söder hingegen möchte die ganze Priorisierung beim Impfen so schnell wie möglich ganz aufgeben, um das Impfen zu beschleunigen und kann sich - natürlich - den Seitenhieb nicht verkneifen, dass Bayern hier "besser als NRW" sei. Von Laschets Strategie, den sozialen Problemvierteln Vorrang einzuräumen, hält Söder wenig. "Es macht keinen Sinn, eine neue Priorisierung zu machen." Irgendwie müssen Söder und Laschet ja jetzt Wahlkampf zusammen machen, aber wie daraus ein gemeinsamer Wahlkampf werden soll, kann man sich nur schwer vorstellen.

fahrenholz

Peter Fahrenholz wünscht sich, dass Talkshows nicht immer dieselben Gäste einladen. Denn politische Diskussionen brauchen spannende Argumente statt altbekannter Standpunkte.

© SZ
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