"Anne Will" zur Corona-Krise:Falsche Fragen an die richtigen Gäste

Lesezeit: 3 min

Anne Will

Schwere Zeiten für Anne Will: Kein Gast will mehr spekulieren in Corona-Zeiten.

(Foto: Wolfgang Borrs/NDR)

Anne Will möchte unbedingt über die nahe Zukunft reden. Ihre Talkgäste aber treibt vor allem die Dramatik des Augenblicks um. Etwa, warum Beatmungsgeräte nichts nützen, wenn diejenigen krank werden, die sie bedienen.

Nachtkritik von Johanna Bruckner

An diesem Sonntagabend wirkt es, als habe die ARD einen neuartigen Corona-Themenabend konzipiert. Erst der "Tatort" mit dem Titel "Krieg im Kopf". Dann die Talkrunde von Anne Will: "Der Corona-Ausnahmezustand - wie geht es weiter in Deutsch­land?" Natürlich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun, im Film geht es um neue Tech­ni­ken der Kriegsführung, im Fernsehstudio um den Kampf gegen ein weltweit grassierendes Virus. Und dennoch: Viele Bundesbür­ger dürften das, was die Coronavirus-Krise mit ihnen macht, mit "Krieg im Kopf" recht treffend beschrieben sehen.

Gesundheitli­che Ängste rangeln mit Existenzsorgen. Vorsicht streitet mit Einsamkeit. Das Bedürfnis nach dem Konkreten wird zunehmend von der Gewissheit eingenommen, dass wir wohl lernen müssen, uns mit dem Unvorherseh­baren zu arrangieren.

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Es ist eine Zeit, in der Spekulationen dankbar angenommen werden würden, wenn sie denn nur ein Fünkchen Hoffnung enthielten, die vage Aussicht auf Besserung. Doch selbst in den Talk­show-Arenen der Fernsehnation mag dieser Tage niemand wirklich spekulieren. "Anne Will" und andere Formate waren mal Basare der Besserwisser. Die Gäste wussten grund­sätzlich, was falsch läuft, seltener auch, wie es besser gehen würde. Ob nun über die Klimakrise, Steuern oder die Zukunft der SPD debattiert wurde.

Heute sagt CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier bei "Anne Will": "Es wäre falsch, jetzt zu sagen: Dann und dann ist wieder alles normal." Und Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher, SPD, will "keine falschen Signale und Hoffnungen in die Welt setzen". Clemens Fuest, Präsi­dent des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, fürchtet: "Da muss man sich jetzt durchwurschteln." Auf den Monito­ren im Hintergrund wechseln die Bilder: leere Straßen, ein Hinweisschild, das zum Abstandhalten auffordert, das Sars-CoV-2-Virus.

"Menschen sind verzweifelt, entwickeln Herzkrank­heiten"

"Kann Deutschland - gehen wir weiter - eine Wirtschaftskrise mit vielen, vielen Pleiten noch verhindern?", fragt Moderatorin Anne Will zu vorgerückter Sendezeit. Es ist eine dieser richtigen Fragen zum falschen Zeitpunkt. Derzeit drängen ganz andere Themen. Wie sich gleich zu Beginn der Sendung zeigt.

Wirtschaftsforscher Fuest geht da schon auf mögliche wirtschaftliche Folgen ein. Seine Antwort aber ist breiter: Mittelfristig müssten Lösungen für ein Leben mit Corona ge­funden werden. "Wir erleben ja schon heute, wie durch diese Krise, durch diesen Stillstand Millionen von Existenzen bedroht sind. Auch das hat, das dürfen wir nicht verges­sen, gesundheitliche Konsequenzen." Menschen seien verzweifelt, entwickelten Herzkrank­heiten, wenn ihre Existenz bedroht ist.

Anne Will will jetzt wissen, ob unser Gesundheitssystem dann, wenn sich die Zahl der Infektionen nur noch alle zehn bis zwölf Tage verdopple, ausreichend gut ausgerüstet und aufgestellt sei, um eine Überlastung zu verhindern. Wieder so ein Blick in die Zukunft. Susanne Johna antwortet. Die Oberärztin für Krankenhaushy­gie­ne sagt: Die größte Sorge derzeit sei, "können wir das Personal, das wir dringend brauchen, um all diese Patienten zu versorgen, auch weiter gesund halten?".

Johna ist Vorsitzende des Marburger Bundes und Pandemiebeauftragte der Bundesärzte­kam­mer - an diesem Abend hat die Medizinerin eine weitere Funktion: Sie bringt die De­batte immer wieder auf das zurück, was akut ansteht. Zuvorderst: die Beschaffung von Schutzausrüstung. "Uns helfen auch zusätzliche Beatmungsgeräte nicht, wenn wir das Personal nicht gesund haben, diese zu bedienen." Ihr schrieben Kollegen die sich selbst nach Feierabend auf dem 3-D-Drucker eines Freundes Gesichtsschutz-Schirme herstell­ten. "Das kann vielleicht doch nicht ganz die Antwort der Industrienation sein."

Wirtschaftsminister Altmaier gibt sein Bestes, um dem Eindruck entgegenzuwirken, Politik und Wirtschaft mühten sich nicht genug. Wiederholt fängt die Kamera ein versicherndes Lächeln des CDU-Politikers ein. Einmal zeigt sie ihn breitbeinig dasitzend, die Arme ruhen auf den Oberschenken, die Hände formen eine Merkel-Raute. Altmaier spricht von Unternehmen, die ihre Produktion nun von T-Shirts auf Masken umstellten, und lobt Schnapsbrennereien, die angeboten hätten, Alkohol für Desinfektionsmittel zu produzieren.

"Das ist auch Marktwirtschaft", sagt Altmaier - und wenig später: "Für uns ist jedes Leben gleich viel Wert."

Das Problem sind nicht die Gäste, das Problem ist die Frage

Es ist also nicht so, als hätten die Diskussions-Teilnehmer keine guten Antworten oder nichts Wichtiges zu sagen. Der Epidemiologe Gérard Krause beispielsweise forscht an einem Antikörper-Test, der in Zukunft zeigen soll, wer be­reits immun gegen das Virus ist. Krause, Altmaier, Tschentscher, Fuest - sie sind durchaus die richtigen Gäste. Nur die Fragen passen nicht.

Wie geht es weiter in Deutschland? Und vor allem: Wann geht es weiter? Das sind Überlegungen für später. Oder wie es Johna formuliert: "Eigentlich ist diese Diskussion aus meiner Sicht zu früh." Jetzt im Moment geht es um Anzüge, Masken und Menschenleben.

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