Anne Will Klein-Britannien und seine Ex Europa

Die gestrige Runde bei Anne Will: Sir Peter Torry, Anna Firth, Ursula von der Leyen (CDU), Richard Sulík und Rolf-Dieter Krause

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Der Brexit-Talk bei Anne Will gleicht einem Scheidungsgespräch: Rolf-Dieter Krause fragt, warum die Briten nicht einfach gehen. Die wiederum schicken ihre Anwältin vor.

TV-Kritik von Paul Katzenberger

Die psychologischen Folgen einer Scheidung können gravierend sein, das ist wissenschaftlich hinreichend belegt. Schon in den Achtzigerjahren beschrieb der amerikanische Soziologe Frank Furstenberg, wie sich Geschiedene, um sich von der Last des Scheiterns ihrer Ehe zu befreien, von ihrem früheren Partner scharf distanzieren, und zwar mit einer Vehemenz, die einem "rituellen Tabu" gleiche. Die Briten haben sich am vergangenen Freitag für die Scheidung von der EU entschieden, doch würde Großbritannien nun zum Tabu für die EU oder die EU zum Tabu für Großbritannien, wäre das äußerst unvernünftig - allein der wirtschaftliche Schaden, der durch den Brexit ohnehin gewaltig ist, würde dadurch noch wachsen.

Und doch ließen die geladenden Befürworter und Gegner des Brexits der Runde bei Anne Will, die wegen der historischen Dimension des britischen Referendums sogar ihre Sommerpause unterbrach, das Gefühl aufkommen, dass die jeweils andere Seite schon zum Tabu geworden ist.

Wie bei einem alten Ehepaar wird zwischen London und Brüssel inzwischen ja auch gestritten - in einfachsten Fragestellungen, ob etwa die Briten den Antrag auf Austritt aus der EU nach Paragraf 50 des EU-Vertrages erst im Oktober stellen, wie es sich in London plötzlich sogar Leute wie Boris Johnson vorstellen können, denen es bislang gar nicht schnell genug mit dem EU-Austritt zu gehen schien. Oder, ob dieser Antrag sofort oder am Dienstag erfolgen soll, wie es EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und der Präsident des Europäischen Parlamentes, Martin Schulz, einmütig fordern.

"Sie können jetzt raus. Und Sie tun's nicht"

An dieser Frage arbeiteten sich bei Anne Will sogleich beide Seiten ab: treue Europäer wie der Brüsseler ARD-Korrespondent Rolf-Dieter Krause und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen für die Position Junckers sowie Euro-Skeptiker wie die britische Politikerin und Brexit-Befürworterin Anna Firth und der slowakische Europa-Parlamentarier Richard Sulík für die Position Johnsons.

"Also bitte schön, Sie können jetzt raus", fragte Krause seine britische Gesprächspartnerin provokativ. "Und Sie tun's nicht. Warum tun Sie es nicht einfach?"

Sie sei Anwältin, antwortete Firth und machte - mit Rückendeckung von Richard Sulík - dann rechtsformalistische Argumente dafür geltend, dass es den Brexit-Befürwortern schlagartig gar nicht mehr so eilig mit ihrem Anliegen ist: "Wir sind immer davon ausgegangen, dass Artikel 50 ganz klar darlegt, dass ein Rahmenwerk geschaffen werden muss, bevor er aktiviert werden kann - und das dauert eine gewisse Zeit."