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"Anne Will" zu Corona-Maßnahmen:Selbst Kubicki hat sein Pulver nach sechs Minuten verschossen

Anne Will zu Corona-Maßnahmen

Eine schrecklich einige Runde - Anne Wills Gäste zur Frage: "Sorge um steigende Corona-Zahlen - reichen die Maßnahmen aus?"

(Foto: ARD/Anne Will)

Anne Wills Gäste diskutieren über die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung - und sind sich schrecklich einig. Vernichtend fällt das Urteil der Runde zum schwedischen Weg aus.

TV-Kritik von Thomas Hummel

Wenn einer wie Wolfgang Kubicki sein Pulver schon nach sechs Sendeminuten verschossen hat und anschließend hauptsächlich zustimmt und nickt, dann kann der Zuseher wohlig ins Bett gehen. Die Regeln im Umgang mit dem vermaledeiten Coronavirus sind offenbar halbwegs vernünftig und nachvollziehbar. An irgendwas kann man zwar immer rummeckern, aber im Allgemeinen herrscht Einigkeit an diesem Sonntagabend im "Anne Will"-Studio.

Geladen hat die Gastgeberin zur Frage: "Sorge um steigende Corona-Zahlen - reichen die Maßnahmen aus?" Die Antwort lautet: Eigentlich ja, auch wenn angesichts steigender Infektionszahlen natürlich niemand weiß, was noch kommt. Die große Kontroverse zum aktuellen Geschehen bleibt jedenfalls aus, Angriffe auf die Politik kann der Regierungsvertreter (in diesem Fall Finanzminister Olaf Scholz, SPD) mit einem schiefen Mundwinkel abwehren.

Und so stellen sich bisweilen andere Frage: Laden die Redaktionen die falschen Leute ein? Oder ist der Konsens im Umgang mit dem Coronavirus in der Gesellschaft einfach so groß, dass ein großer Streit nur konstruiert wäre?

Windstärke 4 sei nichts für Aerosole

Gast Wolfgang Kubicki verspricht eigentlich ein paar schlagfertige Angriffe. Der Vizepräsident des Bundestags von der FDP scheut mit seinen 68 Jahren kein klares Wort. Also geht's gleich los. "Selbstverständlich geht es anders", sagt er zu Beginn, man müsse jede Maßnahme hinterfragen. Mehr als 50 Mal habe zuletzt ein Verwaltungsgericht eine Corona-Regel für verfassungswidrig erklärt, das müsse doch zu denken geben. Die Menschen hätten gelernt, mit dem Virus zu leben, man müsse ihnen nur vertrauen. Wenn etwa in Schleswig-Holstein bei Windstärke 4 jemand eine Maske tragen solle, fassten sich die Leute an den Kopf und sagten sich: "Das ist irre." Kein Aerosol würde hier einen anderen Menschen erreichen.

Das Beispiel ist so plakativ wie richtig und es gibt niemanden in der Runde, der eine andere Haltung vertritt. So verpufft Kubickis Angriff. Manch einer vermisst da vielleicht jemanden, der die Maßnahmen für völlig überzogen hält. Es gibt Versuche in Talkshows, solche Leute in die Runde zu holen, weil das natürlich für Zunder sorgt. Doch mehr als Streit kommt meistens nicht heraus. Eine große Mehrheit der Bevölkerung unterstützt den Weg der Regierung. Und eine Diskussion über medizinisch-virologische Aspekte überfordert das Format Talkshow.

So beginnt bei "Anne Will" zum wiederholten Mal in einer Corona-Runde eine Art Informationsveranstaltung. Besonders abwägend und einordnend tritt Chef-Ethikerin Alena Buyx auf. So schön erklärt selten jemand, warum es vernünftig sein könnte, ungeliebte Verhaltensweisen trotzdem beizubehalten.

Einige Aussagen in der Runde hallen aber doch nach. Zum Beispiel auf die Frage, ob der schwedische Weg mit mehr Eigenverantwortung richtig war. Alle antworten: nein. Melanie Brinkmann, eine der inzwischen bekannten Virologinnen im Land, klagt an, die Schweden hätten beim Schutz der Senioren versagt. Zu viele seien verstorben. "Das finde ich dramatisch, ethisch katastrophal. Es ist nicht der richtige Weg gewesen." Auch eine Herdenimmunität gebe es nicht.

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Alena Buyx, Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der TU München und Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, pflichtet ihr bei und spricht sogar davon, dass die Theorie der Herdenimmunität dafür sorge, dass man damit eine Bevölkerungsgruppe opfere. Buyx will den Schweden zwar nicht unterstellen, das wissentlich so herbeigeführt zu haben, aber die Anspielung ist recht eindeutig. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, glaubt, dass die Schweden einfach einen "groben Fehler" gemacht haben.

An dieser Stelle wäre es spannend, Schwedens leitenden Epidemiologen Anders Tegnell dazu zu hören. Wie es oft bereichernd wäre, Stimmen aus dem europäischen Ausland dabeizuhaben, statt immer die deutschen Sichtweisen. Tegnell verantwortet den Kurs der Schweden, das wäre jetzt eine interessante Debatte.

Stattdessen sprechen sich alle Gäste vehement dafür aus, die Corona-App auf dem Smartphone zu installieren (auch Kubicki!). Virologin Brinkmann kündigt an, dass es vom kommenden Jahr an wahrscheinlich einen Schnelltest geben wird, der binnen 15 Minuten anzeigt, ob man infiziert ist. Daneben sind sich alle darüber einig, dass keine Verhaltensregel perfekt sei und das Virus auslöschen werde. Keine Maske, keine Begrenzung der Gästeanzahl bei Privatfeiern, keine App und auch kein Schnelltest sorgten für hundertprozentige Sicherheit. Doch alle Maßnahmen führten tendenziell zu einer Verbesserung der Lage.

Scholz will erneute Kita- und Schulschließungen nicht ausschließen

Umstritten ist nur, ob man den sorgenden Warner geben sollte oder die zuversichtliche Optimistin. Olaf Scholz, einziger Vertreter der Regierung, bewegt sich hier auf dem Weg des Sich-nicht-Festlegens. Der Finanzminister sagt ein paar Sätze zum Einrahmen: "Wer sich in dieser Sendung hinsetzt, und sage, 'für alle Zeiten ist folgende Regel richtig', der sollte die nächsten anderthalb Jahre nicht mehr hergehen." Denn er oder sie werde an irgendeinem Punkt widerlegt werden.

Auf die Frage, ob er einen Lockdown von Schulen und Kitas ausschließen könne, erklärt der SPD-Kanzlerkandidat für seine Verhältnisse fast entrüstet: "Ich finde, wenn jemand sagt, er könne irgendetwas ausschließen, der sollte sich über seinen Verstand Gedanken machen." Das ist vermutlich richtig, aber kaum das, was verunsicherte Familien gerade hören wollen. Familien, die nichts mehr fürchten, als dass ihre Kinder wieder nach Hause geschickt werden und dauerhaft ihre Freunde nicht treffen dürfen. Nachhilfe, wie man diese Familien mit positiven Gedanken in die Nacht entlässt, gibt Melanie Brinkmann: "Ich wage mich jetzt raus, Herr Scholz: Das wird so flächendeckend nicht mehr passieren", sagt sie.

Sie glaube, dass alle Bürgerinnen und Bürgern einsähen, dass sie sich an die Regeln halten müssten, um eben genau so einen Lockdown zu verhindern. Dazu wirbt sie für Lüftungskonzepte in den Klassenzimmern. Natürlich nickt Herr Scholz jetzt und stimmt ihr ausgiebig zu.

© SZ/jobr/gal
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