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"Anne Will" über Corona-Krisenmanagement:Angenehm unaufgeregt

Anne Will; Anne Will 07.02.2020

Die Leitfrage bei "Anne Will" ist diese Woche: "Schwindendes Vertrauen ins Corona-Krisenmanagement - was muss jetzt passieren?"

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs; NDR/Wolfgang Borrs/NDR/Wolfgang Borrs)

Die Runde bei "Anne Will" folgt der Gewohnheit, erst einmal das Schlechte zu sehen. Der Gesundheitsminister will Lockerungen nur "Zug um Zug". Insgesamt ist die Sendung dezent langweilig - eigentlich ein gutes Zeichen.

Von Joachim Käppner

Vielleicht hinterlässt diese Sendung vor allem ein Gefühl der Ermattung. Alles tausend Mal gehört, alle Argumente ausgetauscht, zu viele Details gehört, um sich die meisten zu merken.

Das lag aber nicht an den Gästen von Anne Will am Sonntagabend, die so sachlich und auch höflich miteinander diskutierten, dass man sich fast Sorgen um die Quote machen konnte. Wann je hätten die Linken-Ikone Sahra Wagenknecht und Ralph Brinkhaus, der Vorsitzende von CDU/CSU im Bundestag, je so gewirkt, als nähmen sie an einem eher entspannten Familientreffen teil, wo man zwar die üblichen Kontroversen austauscht, ob es richtig war, Opas Haus umzubauen, dies aber tun, ohne sich ernsthaft gram zu sein?

Und es lag auch nicht an der Moderatorin selbst, die ihr Redlichstes gab, ihre Gäste in Fahrt oder zumindest in Kontroversen zu bringen. Warum war, nein, ist der Start der Impfungen gegen Corona so holprig geraten; warum wirken die Strategien von Bund und Ländern bei der Pandemie-Bekämpfung auf viele wie ein großes Durcheinander?

Wie gesagt, alles schon gesehen, alles schon gehört. Hat der Bund bei der Beschaffung des Impfstoffs durch die EU schwere Fehler gemacht oder ist, wie es die Kanzlerin ausgedrückt hatte, "im Großen und Ganzen nichts schief gelaufen"?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, für ein Einzelinterview zugeschaltet, erlaubte sich einen zarten Hauch Selbstkritik, aber andererseits: So sei es eben, wenn 27 Nationen einem Deal zustimmen müssen. Ansonsten warb er dafür, dass die Bundesregierung weiter schrittweise vorgeht. "Ich weiß, alle haben eine Sehnsucht nach irgendetwas, das dann hält für sechs oder zwölf Monate. Aber das geht nicht. Das Virus ist zu dynamisch", argumentiert der Gesundheitsminister. Es gehe nur "Zug um Zug" - und dabei stünden noch einige harte und schwere Wochen bevor. Bevor es konkret werde mit Lockerungsschritten, solle abgewartet werden, "bis wir deutlich unter 50 bei 100 000 sind".

Vielleicht lag die dezente Langeweile der Sendung auch daran, dass sich im wichtigsten Punkt eigentlich alle einig waren, was wiederum eine gute Nachricht ist: Die Bürger erwarten einheitliche Maßnahmen, klare Regeln, einen festen Plan und ebenso feste Kriterien dafür, ab wann die ersten Lockerungen möglich sein werden; und wenn sie diese Antworten nicht erhalten, werden noch mehr Menschen das Vertrauen in die Corona-Politik verlieren.

Erfrischend der Auftritt der Erfurter Professorin für Gesundheitskommunikation Cornelia Betsch, die all dies in lebhaftem Vortrag durch Zahlen und Fakten untermauerte und eine glasklare Botschaft vermittelte: Die Bürger sind verstimmt und verdrossen, weil sie diese Strategie vermissen, die Politik alle sechs Wochen den Kurs ändert und Bund und Länder sich nicht einigen können oder wollen. Das so verspielte Vertrauen lasse sich durchaus noch zurückgewinnen, zum Beispiel "würde schon eine bestimmte Fallzahl reichen", ab der die Maßnahmen gelockert werden können. Zumindest hier lässt sich ein klarer Auftrag an die Bund-Länder-Runde herauslesen, die an diesem Mittwoch über die Fortsetzung des Lockdowns entscheiden wird.

Letztlich spiegelte diese Debatte eine simple Erkenntnis wieder: Die Corona-Wellen haben eine wenig vorbereitete Welt getroffen; und Fehler in der Bekämpfung lassen sich nicht vermeiden, man müsse sie, sagte Brinkhaus, auch akzeptieren. Wichtiger ist die Bereitschaft, daraus zu lernen. Auf einen schweren möglichen Fehler wies Georg Mascolo hin, der Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung: Die reichen Länder dürften, statt untereinander über die Verteilung des Impfstoffs zu streiten, die ärmeren Staaten der Welt jetzt nicht im Stich lassen, dies sei ein humanitäres Gebot.

Was fehlte? Auch mal die Erfolge zu sehen. Wer hätte vor zehn Monaten erwartet, dass schon im Herbst ein Impfstoff kommen würde? Dass zum Jahresende die Impfungen begonnen haben und dass womöglich ein Sieg über die Pandemie näher rückt? Dass trotz aller Corona-Demos die Gesellschaft und das Gesundheitssystem diese sehr schwere Prüfung relativ gut überstanden haben? An der deutschen Gewohnheit, in allem erst einmal das Schlechte zu sehen und sich erst dann der vollen Hälfte des Glases zuzuwenden, litt ein wenig auch der Corona-Abend bei Anne Will.

Aber andererseits: Mal so eine Talkshow zu betrachten, deren Gäste sich allesamt in einer Weise über ihre Sorgen austauschten, wie es vernünftige Leute eben tun, war auch einmal angenehm in so aufgeregter Zeit.

© SZ/jsa
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