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Anne-Frank-Verfilmung im ZDF:Verstoß gegen Fairness und Anstand?

Oliver Berben will die Geschichte von Anne Frank für das ZDF verfilmen. An sich vorbildlich, ist dies doch aus deutscher Sicht bislang nicht passiert. Doch der Anne-Frank-Fonds wirft dem Sender "respektloses Verhalten" vor.

Von Christopher Keil

Es hat über das kurze Leben der von den Nationalsozialisten ermordeten Schülerin Anne Frank bereits fünf Filmprojekte gegeben, sogar ein japanischer Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1979 zählt dazu. Eine deutsche Produktion kam noch nicht zustande. Warum eigentlich nicht? Denn es gibt ja eine Vorlage, die zur Weltliteratur zählt, von der Kino und Fernsehen doch so gerne Gebrauch machen: "Das Tagebuch der Anne Frank".

An diesem Montag wurden plötzlich zwei Anne-Frank-Projekte ausgerufen, allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Das eine Projekt soll für das ZDF gefertigt werden vom Produzenten Oliver Berben, der bei der Constantin-Film unter Vertrag steht mit seiner Firma Moovie - The Art of Entertainment. Berben ist sehr erfolgreich in der deutschen Fernsehlandschaft unterwegs. Seine Familiensaga über die Betreiber des Berliner Hotels Adlon machte 2013 im ZDF hohe Quoten und gewann Preise. Auch im Fall Anne Franks plant Berben so etwas wie eine Familiensaga, jedenfalls will er "die Lebensgeschichte der Familie Frank" inszenieren. Aus deutscher Sicht, sagte Berben der SZ auf Anfrage, habe das ja bisher noch keiner filmisch erzählt.

Das andere Projekt wird als Co-Produktion der AVE Gesellschaft für Fernsehproduktion und Zeitsprung Pictures GmbH angekündigt. Diese Version, für die Fred Breinersdorfer das Drehbuch schrieb und Hans Steinbichler als Regisseur engagiert wurde, soll "Anfang 2015 in europäischen Kinos" zu sehen sein. AVE und Zeitsprung hatten die Verfilmungsrechte des Anne-Frank-Buches vom Anne-Frank-Fonds erworben, Berben glaubt offenbar, ohne sie künstlerisch tätig werden zu können.

Die in Basel ansässige Rechteverwertungsstiftung erhebt jetzt schwere Vorwürfe gegen das ZDF. Auf zwei Seiten wird ausführlich dargelegt, dass nicht nur die Senderspitze schon 2012 über das Kino-Drama von AVE/Zeitsprung informiert worden sei, sondern ebenfalls "die Produzenten Constantin und Moovie The Art of Entertainment", also Oliver Berben. Der Anne-Frank-Fonds, heißt es, habe "kein Verständnis dafür, dass das ZDF Jahrzehnte lang dem Thema der Frankfurter Familie Frank kaum Beachtung schenkte und nun plötzlich verkündet, (. . .) einen Film über Anne Frank zu produzieren. Das verstößt nicht nur gegen Fairness und Anstand, sondern stellt ein respektloses Verhalten [gegenüber] (Anm. d. Red.) einer im Holocaust weitgehend vernichteten Familie dar." Persönlichkeitsrechte zählten zu den "höchsten Gütern im Rechtsstaat, die es für das ZDF zu respektieren gilt".

Kann man einen Film über die Familie Anne Franks drehen, ohne die Tagebuch-Rechte für den Film erstanden zu haben? Produzent Berben teilte mit: Der Anne-Frank-Fonds sei "von unserem Projekt" in Kenntnis gesetzt worden. Das ZDF erklärte, es habe sich unter mehreren Angeboten "aus inhaltlichen und konzeptionellen Gründen" bewusst für Berbens Ansatz entschieden, der auch "von Prof. Dr. Salomon Korn, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, unterstützt" werde. "Es war und ist nicht die Absicht des ZDF, der Familie und dem Fond respektlos zu begegnen."

Anmerkung der Redaktion: Im Folgenden dokumentieren wir die Stellungnahme des Anne Frank Fonds im vollen Wortlaut.

ZDF missachtet Anne Frank Erben

Der Anne Frank Fonds Basel wurde 1963 von Otto Frank gegründet und von ihm als Universalerbe eingesetzt. Er vertritt die Familien Frank und Elias sowie sämtliche Rechte, Archive, Fotos und weiteres Material aus über 300 Jahren Familiengeschichte in Frankfurt, Basel, Amsterdam, Paris und anderen Städten.

Im Frühjahr 2012 kündigte der Anne Frank Fonds Basel in der Presse und bei Sendern die erste deutsche Verfilmung der Geschichte der Familie und Anne Frank basierend auf Originaltexten der Tagebücher, neu publiziertem Archivmaterial und anderen Dokumenten an. Die weltweiten Rechte wurden exklusiv an die AVE Gesellschaft für Fernsehproduktion mbh, ein Unternehmen der Verlagsgruppe von Holtzbrinck und Zeitsprung Pictures GmbH, vergeben. Der Film wird Anfang 2015 in den deutschen und europäischen Kinos zu sehen sein. Es handelt sich dabei um den ersten deutschsprachigen internationalen Kinofilm über die Geschichte der Familie Frank. Drehbuchautor ist Fred Breinersdorfer, Regie führt Hans Steinbichler. Jan Mojto mit Beta-Film ist für den internationalen Vertrieb zuständig und Senator ist der deutsche Verleiher.

Bereits im Jahre 2012 informierte der Anne Frank Fonds das ZDF sowie alle anderen öffentlich-rechtlichen deutschen Sender schriftlich über das Filmprojekt, das im Hinblick auf den 70. Todestag von Anne und Margot Frank sowie 70 Jahre Kriegsende im Jahre 2015 lanciert wurde. Darüber hinaus informierte der Anne Frank Fonds in mehreren Gesprächen den ZDF-Programmleiter Reinhold Elschot auch persönlich. Elschot lehnte eine Beteiligung seines Senders an diesem Projekt damals ab. Ebenso informierten die Rechteinhaber die Produzenten Constantin und Moovie The Art of Entertainment offen über das bereits bewilligte Projekt und die vergebenen Rechte. Der Rechteinhaber und Vertreter der Familien informierte frühzeitig über die Rechtesituation und den geplanten Kinofilm, der über das Tagebuch hinaus den historischen Kontext sowie die Geschichte der deutsch-jüdischen Familien vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt.

Der Anne Frank Fonds Basel hat kein Verständnis dafür, dass das öffentlich-rechtliche Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) Jahrzehnte lang dem Thema der Frankfurter Familie Frank kaum Beachtung schenkte und nun plötzlich verkündet, mit Constantin-Geschäftsführer Oliver Berben einen Film über Anne Frank zu produzieren. Das verstösst nicht nur gegen Usanzen, Fairness und Anstand sondern stellt ein respektloses Verhalten einer im Holocaust weitgehend vernichteten Familie [gegenüber] (Anm. d. Red.) dar. Die Geschichte von Anne und Familie Frank soll adäquat, authentisch und nicht basierend auf Umgehungen von Quellen und Rechten erzählt werden. Die Rechtinhaber erwarten, dass gerade TV-Sender nicht mit der Brechstange den Willen der Familie unterwandern. Nur ein Mangel an Sensibilität im Umgang mit jüdischem Erbe führt zu solchen Exzessen. Mitunter sind Eigentum von Dritten und Respekt vor Entscheidungen sowie der Persönlichkeitsrechte eines der höchsten Güter im Rechtsstaat, die es auch für das ZDF zu respektieren gilt.

Nachdem der Sender mehreren Gesprächsinitiativen nicht nachgekommen ist, würde sich der Anne Frank Fonds Basel wünschen, dass gerade das ZDF nicht Quote, sondern Qualität, Seriosität und Weitsicht mit Blick auf die Sache allen anderen Interessen voranstellt. Mit diesem in Deutschland beispiellosen Vorgehen gegen nicht kommerzielle Rechteinhaber verstösst das ZDF gegen die guten Gepflogenheiten gegenüber Fördergesellschaften und anderen Partnern. Daher mahnt der Anne Frank Fonds Basel die Aufsichtsgremien des ZDF an und fordert sie sowie den Intendanten des Zweiten Deutschen Fernsehens Thomas Bellut und seinen Programmdirektor Norbert Himmler auf, das angekündigte Filmprojekt zu stoppen und damit die Rechte von Familie und Anne Frank, vertreten durch den Anne Frank Fonds Basel und die Familie, konsequent zu respektieren. Dies bedeutet auch, dass Rechte nicht umgangen oder allenfalls verletzt werden.

Der Anne Frank Fonds ist eine Stiftung nach Schweizer Recht. Gemäss seinem Gründer Otto Frank führt er Einnahmen namentlich aus Verkäufen des Tagebuchs oder dessen Dramatisierung wohltätigen und edukativen Projekten weltweit zu. Im Jahre 2012 gründete er mit der Stadt Frankfurt das Familie Frank Zentrum, das u.a. mit den Archiven der Familie Frank ausgestattet wird.

Im Folgenden dokumentieren wir die Stellungnahme des ZDF zu den Vorwürfen des Anne Frank Fonds.

Dem ZDF lagen mehrere Angebote für eine Verfilmung der Geschichte von Anne Frank und ihrer Familie vor. Aus inhaltlichen und konzeptionellen Gründen fiel die Entscheidung für den Vorschlag der Constantin Film und Moovie - the art of entertainment. Unter anderem hatte die Idee, Gegenwart und Geschichte mit einem modernen dramaturgischen Ansatz zu verbinden, um so auch jüngere Zuschauer für das Thema zu interessieren, die Programmverantwortlichen des ZDF überzeugt. Das Projekt wird auch von Prof. Dr. Salomon Korn, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, unterstützt. Ebenso steht die Anne-Frank-Stiftung, Amsterdam, hinter dem Projekt. Dem Baseler Anne Frank Fonds ist seit Monaten bekannt, dass sich das ZDF für dieses Projekt entschieden hat.

Es war und ist nicht die Absicht des ZDF, der Familie und dem Fond respektlos zu begegnen. Im Gegenteil will der Sender gemeinsam mit dem Produzenten die herausragende historische Bedeutung von Anne Frank zum 70. Todestag im Jahr 2015 würdigen. Aus Sicht des ZDF schadet es diesem Anliegen nicht, wenn sich mehrere filmische und dokumentarische Projekte dieser Aufgabe annehmen. Die Produktionsfirma wird bei der Umsetzung des Projektes Rechte Dritter selbstverständlich beachten.

© Süddeutsche.de/SZ vom 14.01.2014/cag/lala

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