bedeckt München 20°

Angela Merkel im ZDF:Wie eine Putzfrau Merkel sprachlos macht

ZDF-Sendung 'Klartext, Frau Merkel!'

"Ich liebe Sie", sagt der syrische Flüchtling rechts hinter der Kanzlerin in der ZDF-Sendung "Klartext" zu Angela Merkel.

(Foto: dpa)

Im ZDF beantwortet Angela Merkel Fragen der Bürger. Als es um Altersarmut geht, kommt sie ins Schlingern. Aber dann bekommt sie noch eine Liebeserklärung.

Achtung, alle festhalten, die Kanzlerin macht einen Scherz. Donnerstagabend im ZDF, Bürger stellen Angela Merkel Fragen. "Klartext Frau Merkel!", so heißt die Sendung zur Bundestagswahl. Es geht gerade um innere Sicherheit. Tim Peters, ein junger Mann aus Frankfurt, stellt fest, dass der Staat sich in jedes Handy hacken kann. Er fürchtet, eines Tages im Überwachungsstaat aufzuwachen. Merkel verweist darauf, dass Richter entscheiden müssten, ob und wann ein Smartphone gehackt werde. Aber dass es ja auch nicht gut sei, wenn Terroristen unbehelligt etwa in verschlüsselten WhatsApp-Gruppen kommunizieren könnten.

Merkels Wahlkampfberater dürften ihre Antworten zufrieden mitmurmeln. Sie ist eben Profi. Zwölf Jahre Kanzlerschaft machen selbstsicher, schon klar. Und da kommt er auch schon, der - eher ungewollte - Scherz. "Der Mann kennt sich aus", sagt sie. "Sind Sie selber 'n bisschen Hacker?" Tim Peters lächelt - und schüttelt den Kopf.

Bundestagswahl Martin Schulz im Bürgertalk: Hier werden Sie geholfen
"Klartext, Herr Schulz!" im ZDF

Martin Schulz im Bürgertalk: Hier werden Sie geholfen

Dem SPD-Kanzlerkandidaten fällt das Gespräch mit Wählern leicht. Im ZDF spielt er seinen Vorteil aus: Schulz lobt eine Frauen-Bürgerwehr, will persönlich dreiste Vermieter anrufen und verspricht, die AfD "rauszuschmeißen".   TV-Kritik von Jana Anzlinger

Gelächter unter den allermeisten der 150 Leute, die im Fernsehstudio "quer durch die politischen Lager" die Wählerschaft abbilden sollen, wie Moderator Peter Frey sagt. Merkel schaut, als wäre sie überrascht über ihren kleinen humoristischen Erfolg an diesem Abend.

Petra Vogel lässt Merkel schwimmen

Dass es nicht mehr viel zu lachen gibt, liegt auch an Menschen wie Petra Vogel aus Bochum. Sie wird in einem Einspieler vorgestellt. Vogel ist als Putzkraft in einem Krankenhaus angestellt und verdient beschämend wenig Geld. Als Betriebsrätin ist sie allerdings derzeit in der Regel vom Reinigungsdienst freigestellt. In fünfeinhalb Jahren erwartet sie eine 656-Euro-Rente. Davon allein wird sie kaum leben können. "Wasser und Brot und feddich", sagt sie in dem Film.

Im Studio kann sie Merkel ihre Frage stellen: In Österreich gebe es eine Bürgerversicherung. Da zahlten alle ein. Gäbe es das in Deutschland, müsste sie als Rentnerin nicht in Armut leben. Warum also gibt es das nicht in Deutschland?

Die Kanzlerin weicht der Frage aus. Es sei auch in Österreich nicht alles besser. Und ob sie denn in die Riester-Rente als Zusatzversicherung einzahle? - "Von 1050 Euro?", fragt Petra Vogel.

Eine Sekunde vergeht, zwei Sekunden, Merkel sucht nach einer Antwort. Für einen Moment ist sie sprachlos. Applaus kommt auf. Für Petra Vogel. Merkel ruft Textbausteine ab. Riester habe viele Vorteile, die Auszahlung sei vom Staat garantiert, selbst in Finanzkrisen. Hinter Vogel ruft eine Frau dazwischen. Das sei doch ein Witz, was Merkel da sage. "Ich finde das unverschämt, die Frau mit so einer Antwort zu bescheiden." Merkel: "Ich nehme das zur Kenntnis."

Petra Vogel legt nach: Das beantworte doch ihre Frage nicht. Warum ist es nicht möglich, ein Rentensystem zu schaffen, in dem die Menschen wenigstens eine Grundrente von 1000 oder 1050 Euro bekommen. Damit sie nicht nach vierzig Jahren Arbeit "am Bahnhof rumstreichen müssen, um Flaschen und Dosen zu sammeln", um ihr Leben etwas zu verbessern. Applaus.

Für Fälle wie ihren gebe es die Grundsicherung, sagt die Kanzlerin. Als würde das jetzt noch was helfen. Merkel wirkt selten hilflos. Am Ende fällt ihr auch nicht mehr ein, als zu sagen: "Es ist auch nicht so, dass alle Rentner in Deutschland ein schlechtes Leben haben." Nicht alle, aber diese Frau bestimmt. Merkel kann diese Debatte nicht gewinnen.

Einmal schütteln also, das Lächeln wieder anknipsen und dankbar die nächste Frage beantworten.

Zwischenfazit: Schon jetzt ist in dieser Sendung hundertmal mehr los als im viel kritisierten TV-Duell zwischen Merkel und SPD-Mann Martin Schulz, dessen Neuauflage die Kanzlerin erneut ausschließt.

Merkel erklärt, warum Flüchtlinge nicht so ein Riesenproblem sind

Nun ist sie wieder sicherer. Schnell noch eine irre aufgeregte Erstwählerin davon überzeugen, dass das mit der Reduzierung des CO₂-Ausstoßes schon noch hinhaut. Dann das nächste heikle Thema. Klar, es geht um Flüchtlinge.

Ingrid König ist Schulrektorin aus Frankfurt. Auch sie wird in einem Einspielfilm vorgestellt. Sie habe selbst zwei Jahre in einem muslimischen Land gelebt. Aber jetzt hat sie Zweifel, ob das klappt mit der Integration. An ihrer Schule gebe es Kinder aus 21 verschiedenen Ländern, kulturelle Unterschiede, Probleme. Darüber aber dürfe ja keiner offen sprechen, ohne als islamfeindlicher Rassist angegangen zu werden.

Ihre Frage an die Kanzlerin: Warum kann sie diese Themen nicht offen benennen, ohne gleich als rechts zu gelten?

Das dürfe sie sehr wohl und darüber müsse gesprochen werden, entgegnet die Kanzlerin. Sie kehre die Probleme nicht unter den Tisch. Merkel befürwortet mehr Sozialarbeiter, mehr Druck auf integrationsunwillige Familien und mehr muslimische Lehrerinnen und Lehrer. Viel mehr kann sie da kaum machen. Der Bund ist nicht für die Schulen zuständig.

Sabine Erdmann aus Erfurt hat in dem Zusammenhang ganz andere Sorgen. Sie befürchtet angesichts Hunderttausender männlicher Flüchtlinge vermehrt sexuelle Gewalt gegen Frauen. Merkel kennt das. Das ist eine der häufig vorgebrachten Sorgen, wenn es um Flüchtlinge geht.

Sie verfolge die Kriminalstatistik sehr genau, entgegnet Merkel. Es gebe "schlimme Einzelfälle". Aber das große Problem, das Sabine Erdmann hier sehe, das sehe sie nicht. Wer als Geflüchteter oder Migrant Straftaten begehe, der müsse das Land wieder verlassen, das sei gesetzlich jetzt so geregelt. Und ansonsten sollten ausländische Menschen nicht alle unter Generalverdacht gestellt werden. Im Studiopublikum scheint Merkels abwägende Antwort gut anzukommen. Es gibt sofort Applaus. Auf Twitter toben die Merkel-Hasser.

Da sagt der syrische Flüchtling: "Ich liebe Sie."

Ein geflüchteter Syrer macht ihr stattdessen ein großes Kompliment. "Ich liebe Sie", sagt er. "Die Frau Merkel ist die Beste. Nach meinem Papa und meiner Mama." Trotzdem muss Merkel ihn um Verständnis bitten, dass das mit dem Nachzug seiner Ehefrau noch länger dauern wird. Und er trotz Job und Wohnung nicht sicher sein kann, über 2019 hinaus in Deutschland bleiben zu können. "Halten Sie noch ein bisschen durch", sagt sie.

Der Rest ist Wahlkampf-ABC. Hartes Durchgreifen gegen Einbrecher, schnelles Internet bald auch auf der Schwäbischen Alb, keine Fahrverbote für Diesel-Autos. Am Ende dann die einzige Frage, auf die Merkel keine Antwort gibt. Co-Moderatorin Bettina Schausten: "Martin Schulz hat Ihnen noch die Vizekanzlerschaft angeboten. Wäre das auch was für Sie?"

Da schweigt Angela Merkel, die gerade noch erklären musste, dass sie auch die kommenden vier Jahre Kanzlerin und CDU-Vorsitzende zu sein gedenke. Und wackelt milde lächelnd mit dem Kopf.

Bundestagswahl Gewinner des TV-Duells sind die kleinen Parteien

Bundestagswahlkampf

Gewinner des TV-Duells sind die kleinen Parteien

Die Unterschiede zwischen Angela Merkel und Martin Schulz waren bei der Debatte so gering, dass die Sehnsucht nach Alternativen wächst. Die Schwächen der Sendung verdecken aber ein noch größeres Problem.   Kommentar von Robert Roßmann