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Angebliche Terrorpropaganda:Deniz Yücel: Gefangen in Erdoğans Haftmaschine

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"Die konkreten Beschuldigungen kennen wir nicht": Der Journalist Deniz Yücel ist ohne Angabe von Gründen in der Türkei inhaftiert worden; im Bild eine Solidaritätskundgebung in Berlin.

(Foto: imago/Christian Mang)
  • Ein türkisches Gericht hat Untersuchungshaft gegen den deutsch-türkischen Welt-Korrespondenten Deniz Yücel verhängt.
  • Unterdessen hat Yücel am Wochenende in einem "Haft-Protokoll" für die Welt am Sonntag festgehalten, wie es ihm im Gefängnis ergeht.

Auf dem Korridor brennt unentwegt dasselbe Neonlicht, in den Zellen ist es stets schummrig: "Zu hell zum Schlafen, zu dunkel zum Lesen. Geht aber beides irgendwie." Als er das schreibt, befindet sich Deniz Yücel, Korrespondent der Zeitung Die Welt , seit 14. Februar im Istanbuler Polizeipräsidium in Haft. Er ist der erste deutsche Journalist, der seit Verhängung des Ausnahmezustands festgenommen worden ist. Polizeihaft wird in der Türkei oft als Bestrafungsinstrument eingesetzt, sie darf laut aktuellem Notstandsdekret maximal 14 Tage betragen. Bis vor Kurzem waren es sogar noch 30 Tage.

Am Montag wurde Yücel, 43, zu einem Staatsanwalt gebracht, einen Tag vor Ablauf der Frist. Der Staatsanwalt beantragte Haftbefehl gegen ihn. Noch am Abend wurde der Journalist einem Richter vorgeführt, der dann auch entschied, dass Yücel in ein Istanbuler Gefängnis in Untersuchungshaft kommt. Das ist die nächste Eskalationsstufe. In der Vernehmung wurde dem Reporter der Welt nach Angaben der Zeitung "Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwieglung der Bevölkerung" vorgeworfen.

Untersuchungshaft kann in der Türkei bis zu fünf Jahre dauern.

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Nach 13 Tagen in Polizeigewahrsam muss der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel in Untersuchungshaft. Diese kann in der Türkei bis zu fünf Jahre dauern.

Das Polizeipräsidium in der zentral gelegenen Istanbuler Vatan Caddesi, der Vaterlandsstraße, ist ein Riesenkomplex. Wie es einem Häftling dort geht, hatte Deniz Yücel am Wochenende in einem "Haft-Protokoll" für die Welt am Sonntag festgehalten. Stift und Notizblock waren dem Journalisten verboten. Er hat seine Eindrücke seinen Anwälten diktiert.

"Ohne Anwalt keine frische Wäsche, Handtücher, Zahnpasta"

"Außer Anwaltsbesuchen kein Kontakt erlaubt. Anwalt kann kommen so oft er will", heißt es unter dem Stichwort Besuche in dem Text. "Ohne Anwalt keine frische Wäsche, Handtücher, Zahnpasta etc., ... Anwalt bedeutet frische Socken und vor allem Post von draußen!"

Yücels Bericht ist ein lakonisches Protokoll, genau und unaufgeregt schildert er, was ihm und seinen Zellengenossen widerfährt, beispielsweise Nazmi, einem Makler, sowie einem Zahnarzt, einem Katasterbeamten. Warum sie in Polizeihaft sind, erfährt man nicht.

Yücel selbst wusste ja nicht einmal genau, was ihm vorgeworfen wurde. Einer seiner Anwälte, Veysel Ok, hatte der taz, für die Yücel früher lange gearbeitet hat, gesagt: "Die konkreten Beschuldigungen kennen wir nicht." In die Ermittlungsakte hätten die Anwälte keinen Einblick, wegen eines Geheimhaltungsbeschlusses. Das allein sei schon rechtswidrig, so Yücels Anwalt: "Laut dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte müssen alle Informationen und Beweise aus einer Ermittlungsakte für die Anwälte des Verdächtigten zugänglich sein, sofern der Verdächtige keine außerordentliche Gefahr darstellt."

Außenwelt: "Man hört ab und zu die Straßenbahn. Sonst keine Geräusche und kein Tageslicht." Luft: "Schlecht, miefig, stinkt nach Körpergerüchen, stickig. Die Polizisten sagen: ,So leer wie in den letzten Tagen war es hier seit dem Putschversuch nicht mehr. Ihr hättet mal riechen sollen, als hier in jeder kleinen Zelle fünf Leute saßen.'" Beschwert sich Yücel über etwas (eine Dusche für 150 Leute beispielsweise), sagt das Wachpersonal: "Das ist kein Hotel."