Süddeutsche Zeitung

Angebliche Live-Bilder von der Fußball-EM:Lästiges ins Abseits

Den TV-Bildern von der Fußball-EM ist nur bedingt zu trauen. Die Uefa gibt vor, was wann im Fernsehen zu sehen ist - für eine politische Protestaktion ist da kein Platz. Und Joachim Löw war in Wahrheit nicht während, sondern vor dem Spiel zu Scherzen mit dem Balljungen aufgelegt.

Es war Fernsehen, doch es klang wie Radio. Als die Grünen-Europaabgeordneten Rebecca Harms und Werner Schulz am Mittwochabend in Charkow vor der EM-Begegnung Deutschland gegen Niederlande während der Nationalhymnen auf der VIP-Tribüne Transparente hochhielten, mit denen sie "Fairplay in Fußball und Politik" forderten, erzählte ZDF-Reporter Béla Réthy den Zuschauern, was sie gerade nicht sahen: Dass es Protestbanner gegen den Umgang mit der Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko in der Ukraine gebe.

Dafür gab es in der 22. Spielminute eine Szene zu bewundern, die sich in dem Moment so gar nicht ereignete: Bundestrainer Joachim Löw, der einem Balljungen scheinbar lässig das Spielgerät stibitzt. Die Begebenheit hatte sich tatsächlich vor dem Anpfiff ereignet, der Regisseur hatte sie lediglich aus dramaturgischen Gründen beim Stand von 0:0 so einmontiert, dass sie wie live wirkte.

Den TV-Bildern von der EM ist nur bedingt zu trauen. Schon bei der Partie zwischen Kroatien und Irland war nicht alles zu sehen gewesen. Die Aufnahmen, wie ein Flitzer dem kroatischen Trainer Slaven Bilic einen Kuss ins Gesicht drückt, schafften es nicht in den entscheidenden Bilderstrom, das sogenannte Weltbild. Dieses speisen mehr als 30 Kameras, die bei jedem Spiel aufgebaut werden.

Das Material, das sie liefern, wird im Internationalen Sendezentrum in Warschau geschnitten und, quasi als Fertigprodukt, an die TV-Sender weitergereicht, welche die Übertragungsrechte erworben haben. Erstellt wird das Weltbild von einer Produktionsfirma, die vom Turnierveranstalter - der Europäischen Fußball-Union Uefa - beauftragt wurde.

"Von einer Zensur würde ich nicht sprechen"

Welche Perspektiven wie oft ausgewählt werden, welche Wiederholungen es gibt und was bei Flitzern oder bengalischen Feuern zu tun ist - dafür gibt es Regeln, die in einem Katalog zusammengefasst sind, an den sich die Regisseure halten müssen. Dass es selten leere Ränge oder verwaiste Ehrentribünen zu sehen gibt, ist deshalb kein Zufall.

ARD und ZDF haben die Möglichkeit, den Einheitsbrei mit eigenen Bildern anzureichern. Bis zu zehn Kameras dürfen sie zusätzlich in den Stadien aufbauen. Die Positionen dieser Kameras und ihre Ausrichtung - das wird aber meist schon früh festgelegt, weil beispielsweise verabredet ist, dass sie nach Abpfiff die Statements der Schlüsselspieler einzufangen haben. Das ist ein Grund, warum das Weltbild selten um selbst gedrehte Szenen ergänzt wird. Es gibt aber noch einen: Bei der Rückkehr zum Weltbild kann sich der Regisseur nie sicher sein, wie gut der Anschluss stimmt.

Die ARD übernahm bis Mittwoch bei allen Spielen das Weltbild komplett, das ZDF bis auf wenige Ausnahmen. Insgesamt sei man mit dem Gebotenen "sehr zufrieden", heißt es bei der ARD. ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz wies schon Anfang der Woche den Vorwurf einer manipulativen Bildauswahl zurück: "Von einer Zensur würde ich nicht sprechen."

Dass ein Veranstalter eine Produktionsfirma beauftragt, das Weltbild zu fertigen, ist nicht unüblich. In der Fußball-Bundesliga und der Champions League läuft es auch so. Besonders rigide sind die Vorgaben in der Formel 1. Dort wird die Produktionsfirma direkt von Vermarkter Bernie Ecclestone gesteuert. Alle Sender müssen drei Minuten vor Rennstart aufs Weltbild schalten, sie dürfen dies nicht verändern, selbst kein rollendes Auto auf der Strecke filmen und müssen alles, was sie selber drehen, am Saisonende abliefern.

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SZ vom 15.06.2012/mahu
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