Süddeutsche Zeitung

Amazon-Serienpilot:Lügengeschichten

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Von der Kunst, ein anderer zu sein: "Sneaky Pete" erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der auf der Flucht vor seinen Gläubigern die Identität seines Zellengenossen annimmt.

Von Nicolas Freund

Ein kurzes Zischen und die Bustür öffnet sich. Ungläubig schaut der Mann den Fahrer an, der guckt säuerlich zurück. Pete (Giovanni Ribisi) zögert nicht und springt hinaus in den Schnee. Er ist frei, frisch aus dem Gefängnis entlassen und kann machen, was er will.

Dem Busfahrer hat er erzählt, dass seine Brüder ihn an der Haltestelle abholen wollen. Zusammen mit seinem alten, herzkranken Vater, der nicht weiß, dass sein Sohn im Gefängnis saß. Ob der Fahrer ihn nicht kurz vorher absetzen kann? Damit er die Sache in Ordnung bringen kann? Okay. Der Haken ist nur: Die Geschichte ist komplett erfunden. Den armen Vater gibt es nicht. Die beiden anderen Männer gibt es zwar schon, aber sie sind nicht Petes Brüder, sondern die Geldeintreiber seiner Gläubiger. Denn Pete hat ein 100 000-Dollar-Problem, das ihn in den Knast gebracht hat und jetzt wieder einholt.

Dazu kommt, dass Pete gar nicht Pete ist, sondern Marius. Die Lüge für den Busfahrer war nur eine von vielen und die größte ist Pete selbst. Marius hat nämlich die Identität seines Zellengenossen angenommen, der immer von den Sommern auf der Farm seiner Großeltern in Pennsylvania geschwärmt hat. Das perfekte Versteck vor den Geldeintreibern. Zwanzig Jahre haben Pete und die Großeltern einander nicht gesehen, fast jeder Mann im richtigen Alter könnte sich inzwischen als der verlorene Enkel ausgeben. Praktisch, dass er da auch gleich bei dem privaten Detektivbüro anheuern kann, das die Familie geradeso über Wasser hält.

Sneaky Pete, diese Geschichte über Geschichten, ist das neue Serienprojekt des Dr. House-Erfinders David Shore und Bryan Cranstons, vor allem bekannt als Crystal Meth kochende Pop-Ikone Walter White aus Breaking Bad. In dieser diabolischen Tradition hat er in Sneaky Pete auch einen Gastauftritt als der Gangsterboss, der Marius durch diese ganzen Lügen hetzt. Gepitcht wurde die Serie für den amerikanischen Sender CBS. Der ist aber schnell wieder abgesprungen. Amazon hat jetzt die Pilotfolge produziert. Ob es weitergeht mit einer ganzen Staffel, entscheiden wie bei den anderen Amazon-Pilotfolgen Zuschauerfeedback und Klickzahlen.

Den klassischen Topos vom Heimkehrer, der nicht der ist, für den er sich ausgibt, verdreht die Serie schon in der ersten Folge, indem sie Marius als Pete in ein völlig fremdes Leben heimkehren lässt, nämlich in jene Geschichten, die der echte Pete ihm im Gefängnis immer erzählt hat. Nur auf dessen Erinnerungen und seine eigene Expertise im Umgang mit anderen Lügnern kann Marius sich verlassen, um so glaubwürdig wie möglich zu wirken.

Giovanni Ribisi trägt diese erste Folge mit all ihren Spielen im Spiel. Ob Marius gerade Marius ist oder Pete oder noch jemand anders, erkennt man am leichtesten an seinem Gesicht. Dass Petes Bruder Polizist ist und seine Mutter von der ganzen Geschichte nichts glauben will - das scheint für Marius bestenfalls eine sportliche Herausforderung zu sein.

Sneaky Pete, von Freitag an auf Amazon.

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Quelle:
SZ vom 07.08.2015
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