bedeckt München 29°

Amazon-Serie "Crisis in Six Scenes":Miley Cyrus als Revoluzzer-Gegnerin

Seine Revoluzzer-Gegnerin wird von der Sängerin und Schauspielerin Miley Cyrus gespielt, die hier nach ihren braven Anfängen in der Disney-Show Hannah Montana das erste Mal wieder in einer Serie zu sehen ist. Sie traktiert den alten Grantler mit der Bürgerrechtsbewegung und ihrem Traum vom kommunistischen Sehnsuchtsort Kuba. Währenddessen frisst sie ihm den Kühlschrank leer und nistet sich im Gästezimmer ein, weil die Gattin des unfreiwilligen Gastgebers ihrer Familie einen Gefallen schuldet. Die Serie spielt fast ausschließlich im Haus des Ehepaars, Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer. Eine klassische Sitcom-Kulisse ohne Spezialeffekte und exotische Landschaften, nur auf eingespielte Publikumslacher vom Band verzichtet Allen glücklicherweise.

Als Kameramann hat er den Dänen Eigil Bryld engagiert, der schon diverse Folgen House of Cards gefilmt hat und somit viel Serienerfahrung mitbringt. Aber analog zu seinen Kinofilmen verzichtet Allen auch in seiner Amazon-Auftragsarbeit auf visuelle Spielereien. Fast alle Szenen sind so geschrieben, dass er sie problemlos in einzelnen, langen Einstellungen drehen kann, ohne komplizierte Kamerafahrten oder hektische Schnitte. Für seinen Dialogwitz ist diese ruhige Inszenierungsweise das probate Mittel, und Crisis in Six Scenes bietet auch traditionellen Allen-Humor: Er sitzt mit einem hypochondrischen Anfall beim Arzt und befürchtet, dass er Malaria hat, weil sein Daumen wehtut, während das Hippie-Mädchen daheim die Lesegruppe seiner Frau mit Mao-Pamphleten radikalisiert, woraufhin die alten Damen sich zu einer Nacktdemo entschließen.

Die Sketch-Portionierung im Serienformat funktioniert sogar besser als in manchen von Woody Allens letzten Kinofilmen, die wie Flickenteppiche aus einzelnen Episoden zusammengesetzt wirkten. To Rome With Love zum Beispiel oder Ich sehe den Mann deiner Träume. Trotzdem könnte diese Serie ein mustergültiges Beispiel für die Experimentierfreude der jungen Streamingdienste sein, auf die man wohl schon bald sehnsuchtsvoll und nostalgisch zurückblicken wird. Noch suchen sich Amazon, Netflix und Hulu Projekte aus, die Prestige versprechen, obwohl sie am Massenpublikum vorbeizielen - und zwar um ihr Revier auf einem neuen Markt möglichst eindrucksvoll zu markieren.

Sollten aber Produktionen wie Crisis in Six Scenes dauerhaft nur ein Nischenpublikum befriedigen - die treuen Woody-Allen-Fans überschneiden sich nicht unbedingt mit dem durchschnittlichen Konsumenten von Online-Serien -, dann könnte damit bald Schluss sein. Dann müssen sich sogar Regisseure wie Woody Allen wieder den puren Zuschauerzahlen beugen, also jenen formalen Zwängen, vor denen so viele Filmemacher vom Kino und vom klassischen Fernsehen zu den neuen Anbietern geflohen sind. Bis es aber so weit ist, kann man den neurotischen Wahnsinn, den Allen hier unter Missachtung sämtlicher Mainstream-Mechanismen und Marktforschungstrends produziert hat, als den angenehmsten Anachronismus des Jahres genießen.

Crisis in Six Scenes, abrufbar bei Amazon Video.

© SZ vom 30.09.2016/cag
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB