"Alles Isy" im Ersten Wie erklärt man seinem Kind, dass es vergewaltigt wurde?

Der 16-jährige Jonas (Michelangelo Fortuzzi) ist in seine beste Freundin Isy (Milena Tscharntke) verliebt.

(Foto: Jana Lämmerer/rbb)
  • "Alles Isy" erzählt von einer Vergewaltigung unter Teenagern.
  • Die große Stärke des Films ist seine Nähe zur Realität, was vor allem an den jungen Schauspieler Milena Tscharntke und Michelangelo Fortuzzi liegt.
  • Ein wichtiger Film, der auf beklemmende Art erzählt, wie man mit sexueller Gewalt umgehen kann - und welche Handlungsmöglichkeiten es gibt.
Von Britta Schönhütl

Jonas ist 16 Jahre alt, seine Haare sind lang, sein Hosenbund hängt in den Kniekehlen, und er ist in seine beste Freundin Isy verliebt. Die ahnt nichts, knutscht auf einer Party mit einem anderen - und Jonas betrinkt sich aus Kummer. Die Flasche Wodka klebt am Mund, es wird getanzt, gelacht, irgendwann nehmen alle Drogen. Und die Situation eskaliert: Isy kippt um, offenbar bewusstlos. Jonas ist selbst völlig weggetreten, alles dreht sich. Dann fangen zwei Klassenkameraden an, Isy auszuziehen: "Die kriegt gar nichts mit!", fassen die junge Frau an, "voll porno", und vergewaltigen sie nacheinander. "Fick sie jetzt, sonst ficken wir dich", bellen sie Jonas an. Und er tut es.

So beginnt der Fernsehfilm "Alles Isy" des Regie- und Autoren-Duos Mark Monheim und Max Eipp. Es ist ein Film über sexuelle Gewalt, über Ehrlichkeit und Schuld, über Freundschaft und Mutterliebe. Die Geschichte um Jonas und Isy wird aus der Perspektive der beiden Teenager erzählt. Janna Lämmerers Kamera ist immer auf Augenhöhe der Jugendlichen, taumelt mit ihnen durch den Strudel ihrer Emotionen.

Was eine Vergewaltigung war, sieht am nächsten Morgen aus wie ein schlimmer Kater. Isy kann sich an nichts erinnern, wegen massiver Unterleibsschmerzen wird sie von ihrer Mutter zum Arzt gezerrt. Ob sie heftigen Geschlechtsverkehr gehabt hätte? Die Ärztin informiert die Mutter über die Gefahr einer potenziellen Vergewaltigung. Doch wie erklärt man seinem Kind, dass es vergewaltigt worden ist? Und wie findet man die Täter?

Die Nähe zur Realität ist die Stärke von "Alles Isy"

"Alles Isy" thematisiert ohne Scheu, aber gefühlvoll den Umgang mit von sexueller Gewalt Betroffenen, zeigt Perspektiven auf: Innerhalb der ersten 72 Stunden kann eine vertrauliche Spurensicherung vorgenommen werden, die auch ohne Anzeige bei der Polizei erfolgen kann. Zahlreiche Beratungsstellen helfen Betroffenen jederzeit. Im Film informiert sich Isys Mutter bei LARA, einer Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Frauen, und bei der Charité Berlin, in deren Gewaltschutzambulanz DNA-Spuren gesichert werden können. Auch die wichtigste aller Fragen wird thematisiert: Was braucht die- oder derjenige, der oder dem sexuelle Gewalt angetan wurde?

Der Film bietet keine Lösungsvorschläge. Als Isy erfährt, dass sie vergewaltigt wurde, versucht sie, die Kontrolle über ihr Leben zurückzuerlangen, indem sie möglichst viel über die Nacht herausfindet. Mit wem hat sie geredet, geflirtet, eventuell sogar Sex gehabt?

Währenddessen distanziert sich Jonas zunehmend von ihr, bricht irgendwann zusammen und gesteht seiner Mutter (Claudia Michelsen), was er getan hat. Um den Familienruf nicht zu beschädigen, beschließt Jonas' Vater (Hans Löw), die Sache zu vertuschen und Isys Mutter zu beschwichtigen, die ihrer Tochter verzweifelt helfen möchte. Dieser Kampf der Familien ist beinahe unerträglich anzusehen. Vor allem die jungen Schauspieler Milena Tscharntke als Isy und Michelangelo Fortuzzi als Jonas sind perfekt besetzt, überzeugen in ihrem jugendlichen Leichtsinn, den aufbrausenden wie den leisen, zarten Momenten. Ihre Dialoge sind kein Jugendwort-Bingo, sondern lebensnahe Teenagersprache.

Diese Nähe zur Realität ist die Stärke von "Alles Isy": Jonas hat vergewaltigt und ist schuldig, zugleich ist er aber auch Isys wichtigste Bezugsperson und jemandes Kind. Isy wurde Gewalt angetan, die sie aus Angst um ihren Ruf am liebsten verheimlichen möchte, während ihre Mutter mit der Situation vollkommen überfordert ist. Ob der Täter angezeigt wird, wie es in der Realität nur in fünf bis zehn Prozent der Fälle geschieht, oder ob aus individuellen Gründen keine Anzeige erstattet wird, muss von den Bedürfnissen der Betroffenen abhängen. "Alles Isy" erzählt auf beklemmende Art, wie man mit sexueller Gewalt umgehen könnte - und welche Handlungsmöglichkeiten es gäbe. Ein wichtiger Film, der bestürzt.

Alles Isy, ARD, Mittwoch, 20.15 Uhr.

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